Zehn Minuten Zufriedenheit

Meine Mutter pflegte im Alter auf die Frage, wie es ihr geht, stets zu antworten: Ich bin zufrieden. Ich fand diese Antwort ausweichend, denn es ging ihr oft wirklich nicht gut und sie war auch nicht immer zufrieden, wie ich dann aus belauschten Selbstgesprächen erfahren musste.

Aber die Zuversicht, die ihr diese drei Worte gegeben haben, hat ihr dann wieder geholfen, ihr Leben weiter zu führen. Und es war bei Gott kein leichtes Leben. Zwei Weltkriege, große Armut, drei Kinder, mehrere schwere Krankheiten hätten sie durchaus auch bitter werden lassen können.

Quellen der Zufriedenheit

Wohlgeratene Kinder
Ein schöner Garten
Ein erfolgreiches Projekt
Eine Gehaltserhöhung
Gutes Essen, guter Sex, Sauna,
Körperliche Anstrengung
Zärtlichkeit
Schönes betrachten
Lächeln
ein befriedigendes Hobby
und noch vieles, vieles mehr!

Aber sie hatte auch eine wichtige Wahrheit gelernt, nämlich, dass man zufriedene Menschen in Ruhe lässt. Kann man sie doch schlecht reizen. Und vollbringen sie meist auch konstant gute Leistungen.

Auch Firmen wissen darum und sie messen deshalb auch in regelmäßigen Abständen die Zufriedenheit ihrer MitarbeiterInnen, den Moralindex. Sie nehmen dabei an, dass eine hohe Arbeitsmoral auch die Vorbedingung für gute Leistungen ist. Die Qualität vieler Manager wird u.a. mit diesem Moralindex gemessen, damit auch ihr Gehalt. Und wenn es um das Geld geht, werden Menschen nachdenklich und erfinderisch.

Bist du oft unzufrieden, dann besuche eine Unfall- oder Reha-Klinik.

Zufriedenheit ist immer ein relativer Zustand. Beim Anblick eines Menschen, dem es elend geht, wird es leicht werden, zufrieden zu sein. Ich habe deshalb gerne vor Meinungsumfragen, in denen der Moralindex gemessen wird, Vergleiche gezeigt, die meine Mitarbeiter leichter haben zufrieden werden lassen.

Überzeugend waren für meine Geistesarbeiter Führungen in den Betrieben der Metallindustrie. Nach zwei Stunden Besichtigung z.B. der lauten Automobilproduktionen hier im Großraum Stuttgart wuchs schlagartig die Einsicht, wie angenehm doch die vorhandenen und nicht immer beliebten Computerarbeitsplätze waren.

Ich selbst habe bei diesen Umfragen gelernt, dass in diesem Zusammenhang ein gewisses schizoides Verhalten durchaus Vorteile bietet. Dies kann sich so ausdrücken, das man "eigentlich" zufrieden ist, aber seine Zufriedenheit nicht immer zeigt. Aber auch das Gegenteil, man ist unzufrieden, aber heuchelt Zufriedenheit, kann kurzfristige Vorteile bringen.

Denn auch die Unzufriedenheit hat ihre Vorzüge. Ist sie doch auch ein wesentlicher Motivationsfaktor, der zu großartigen Leistungen führt. Wie viele gute Anstrengungen werden nicht aus Unzufriedenheit geführt? Wer etwas Hunger hat vollbringt bessere Leistungen. Dies war schon immer ein Ansatz die Zweitbesten anzuspornen und sie auf Trab zu bringen. Und beruht doch nicht ein Großteil der Wirkung von Werbung in uns Unzufriedenheit zu erzeugen, damit wir handeln?

Aber immer nur Unzufriedenheit ist ätzend. Besonders schlimm dran sind jene Menschen, die sich mit großem Aufwand Wünsche erfüllen, aber nach dem Erreichen der Ziele sofort erneut unzufrieden sind. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.

Es wird also eine Mischung aus Zufriedenheit und Unzufriedenheit wichtig für uns sein. Dabei assoziiere ich Unzufriedenheit mit Handeln, Zufriedenheit mit Ruhe. Diese Ruhe ist eine Erholung für die Seele, sie muss keine körperliche Ruhe bedeuten.

Diese Erholung für die Seele wird manchmal eigene Räume brauchen. Ich nenne sie die Refugien, die persönlichen Rückzugsmöglichkeiten, andere nennen sie Höhlen. Jeder wird andere haben und brauchen. Der eine findet seine Zufriedenheit im Hobby-Bastelkeller, im Garten, im Sommerhaus, der andere findet seine Ruhe beim Schreiben am Computer, im Gottesdienst, im Konzert oder beim Beobachten der Menschen im Caféhaus.

Chinesisches Sprichwort

Wenn Du eine Stunde lang glücklich sein willst:
Schlafe

Wenn Du einen Tag lang glücklich sein willst:
Gehe fischen

Wenn Du eine Woche lang glücklich sein willst:
Schlachte ein Schwein und verzehre es

Wenn Du einen Monat lang glücklich sein willst:
Erbe ein Vermögen

Wenn Du ein Leben lang glücklich sein willst:
Liebe Deine Arbeit!


Sollen diese Refugien ihre Wirkung erhalten, dann muss man sie schützen. Im Normalfall heißt dies, dort unerreichbar zu sein, damit man in ihnen nicht gestört werden kann. Aber ich empfehle vor allem ein kleines Ritual beim Betreten dieser Refugien einzuführen. Bei mir ist es ein tiefer Seufzer und der Gedanke, der ruhig auch ausgesprochen werden darf: Hier bin ich zufrieden.

Der Vorteil dieses, wie aller anderen Rituale ist ihre umkehrbare Wirkung. Beim Betreten dieser Refugien wirst du nach einigem Training automatisch zufrieden sein. Dies ist ein Riesenvorteil, dafür lohnt sich schon der Aufwand vorher.

Zufriedenheit wird selten lange dauern. Selbst der satteste Körper wird wieder hungrig. Aber man kann diese Zeitdauer etwas steuern. Mein Rat: sei immer mindestens 10 Minuten zufrieden! Nach dem Orgasmus ruhe noch 10 Minuten. Trinke deine Tasse Kaffee nicht schneller als in 10 Minuten. Wenn du gute Musik hörst, dann gönne dir mindestens 10 Minuten dazu. Iss nicht schneller als in 10 Minuten. Gönne dir einen schönen Anblick 10 Minuten lang.

Wenn du diese Zufriedenheitszustände kürzer hast, dann wirken sie zu wenig auf deine Seele und sie bereiten dir keinen Genuss. Allerdings ist das beliebige Ausdehnen auch nicht wünschenswert. Sind sie zu lange, dann wirst du durch Inaktivität verblöden. Es lohnt sich also auch gelegentlich etwas künstliche Unzufriedenheit in dein Leben zu bringen.

Aber da die meisten Informationen, die auf dich einstürmen ohnehin alle deine Unzufriedenheit fördern werden, wirst im wesentlichen nur du allein, vielleicht auch noch dein Seelsorger, deine Familie oder dein Freundeskreis, für deine Zufriedenheit zu sorgen haben.

Das Motto "10 Minuten Zufriedenheit" wird dir helfen, ein gutes Maß davon zu bekommen. Denn wenn Zufriedenheit nicht immer auch vollständiges Glück bedeutet, so ist sie doch ein wesentlicher Teil davon.

Das Glück auf dieser Welt

Sonett von Christophe Plantin
(Saint-Avertin 1520 — Anvers 1589)
(übersetzt von C. Th. Schlatter)

Zu haben ein praktisch und schön Wohngebäude,
Ein Garten mit duftenden Blumen geschmückt,
Früchte, besten Wein, wenig Kinder und beglückt
mit einem Weib, das stets treu steht zur Seite.

Keine Schulden, keine Liebschaft, kein Prozess, kein Streit
Keine Teilung zu machen mit seinen Verwandten,
zufrieden mit wenig, nichts hoffen von Bekannten.
Gerecht und richtig handeln allezeit.

Leben ohne Ehrgeiz und mit Freimut,
Ohne Zögern huldigen der Demut
Zähmen seiner Leidenschaften wilde Glut.

Freien Geist und klares Urteil halten als Gebot
Bei der Arbeit sprechen im Gebet zu Gott
Das ist in Ruhe erwarten zu Hause den Tod.

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