| Als Praxiloge, als Theoretiker der Praxis, müsste ich
dies eigentlich wissen. Aber es ist wie mit der Zeit, wenn man nicht darüber redet, weiß
jeder was die Zeit ist, aber soll man sie erklären, dann fehlen selbst dem Philosophen
schnell die Worte. Der Brockhaus kennt vier Versionen von 'praktisch': 1. Auf die Praxis bezüglich Die vierte Variante lasse ich hier weg und ich versuche für die anderen drei Definitionen einen gemeinsamen Hintergrund zu schaffen. Warum lohnt es sich überhaupt über die Definition von PRAKTISCH nachzudenken? Der Grund liegt in der unheimlichen Macht von praktischen Lösungen und Produkten. Sie gewinnen fast immer im Wettstreit mit weniger praktischen Konkurrenten. Wer es also versteht, praktische Lösungen zu finden, wird auf die Dauer sehr erfolgreich werden. Sei es nun entweder kommerziell oder auch in vielen anderen Bereichen, wie z.B. in der Politik. Würde es nur um praktische Produkte gehen, dann könnte die Ergonomie schon alle Antworten geben. Aber ich will hier einen etwas anderen Ansatz versuchen, der natürlich viel mit der Ergonomie gemeinsam hat. Vor allem gilt auch bei mir der Hauptsatz der Ergonomie, dass alle Menschen und Kulturen verschieden sind, und es deshalb immer davon abhängt, in welchem Umfeld (Umgebung, Kultur, Vorerfahrung etc.) man sich bewegt. Ich werde allgemein immer von Lösungen sprechen und meine damit Lösungen von Problemen der Praxis. Damit ist die Veränderung oder Auflösung eines als unbefriedigend empfundenen Zustands gemeint. Lösungen können nun Produkte aller Art (inklusive Dienstleistungen) sein, aber auch Arbeitsprozesse (Vorgangsweisen) oder auch andere abstrakte konkrete oder abstrakte Gebilde, die den Menschen einen Nutzen bringen, d.h. ein Problem lösen oder ein Bedürfnis befriedigen. Um es gleich vorweg zu nehmen, meine Antworten werden erstaunlich einfach sein. Nur vier Grundkomponenten sind wirklich wichtig, um Lösungen als praktisch zu beurteilen:
Der erste Punkt ist offensichtlich, selbstverständlich muss eine Lösung auch das Problem lösen. Das Gegenteil von praktisch wäre hier "es funktioniert nicht". Der dritte Punkt ist auch weniger kritisch, Energieaufwand kann man messen oder zumindest schätzen, aber was ist schon wirklich existierend und unveränderlich. Kann man nicht alles verändern? Tatsächlich ist dieser Punkt flexibel, aber in einer bestimmten Umgebung, z.B. einer Gruppe wird man dann schon einen Konsens erzielen können, was verändert werden kann und was nicht. Hier wäre das Gegenteil tatsächlich "theoretisch". Ich habe in den USA oft gedacht, dass die Menschen dort viel praktischer veranlagt sind, als die Deutschen. Und nach langer Beobachtung stellte ich fest, dass dort vor allem der Respekt vor dem Einzelnen der Grund ist. Während wir Deutsche gerne den Konsens suchen und uns dafür gerne anpassen, versuchen dies die Amerikaner viel weniger. Man lebt z.B. dort auch viel eher mit problematischen und schwierigen Menschen und nimmt sie, wie sie sind und erwartet nicht, dass sie sich verändern. Und so werden auch Werkzeuge viel eher den Menschen angepasst, als dass man erwartet, dass sich diese den Werkzeugen anpassen. Tatsächlich sind Individuen viel weniger flexibel, als man es sich wünscht. So kann man davon ausgehen, dass deren Körpermaße tatsächlich nicht verändert werden können. Es müssen also die Parameter von Lösungen (z.B. Größe, Gewicht, Volumen, Zeit, Verschiedenheit, Gleichheit, Distanz, Komplexität) an unsere Möglichkeiten angepasst sein. Ebenso wird sich eine Kultur nicht schnell verändern, genau so wie viele Vorgänge in der Natur. Dort sind einfach keine Sprünge zu erwarten und man kann sie als gegeben annehmen. Das Gegenteil zur Einfachheit des dritten Punktes ist "kompliziert", "unpraktisch", "umständlich" oder auch "aufwändig" und "teuer". Hier kommt es vor allem auf den Vergleich von Lösungen an. Im Nachhinein wird sicher manche eine als vorher praktische Lösung als sehr unpraktisch erscheinen, wenn es eine neuere und bessere Variante davon gibt. Kritisch ist auch die Universalität, gelegentlich auch Robustheit genannt. Eine Lösung, die nur einmal funktioniert wird man kaum als praktisch bezeichnen, es sei denn sie kann nach Gebrauch mit gutem Gewissen weggeworfen werden. Ideal sind wirklich universelle und dauerhafte Lösungen, die dann auch keine Nebeneffekte erzeugen, das heißt nur das Problem lösen und nicht gleichzeitig neue Probleme schaffen. Praktisch in der Praxis Ich war jahrelang in der Normung beschäftigt und habe dort viel für die Praxis gelernt. Hauptaufgabe der Normung war es, aus vielen möglichen Lösungen die besten so zu vereinfachen und dann auch festzuschreiben, dass diese universell und preiswert eingesetzt werden konnten. Dabei sollten nicht viele Standards entstehen, sondern so wenige wie möglich, allerdings aber auch so viele wie nötig. Die Hauptvorteile dieses Aufwandes sind dann die Austauschbarkeit von Produkten und auch die damit einhergehende Verbilligung. Zuviel Flexibilität ist also unpraktisch, weil sie zu teuer kommt. Aber zuviel Starrheit wäre auch unpraktisch, weil sie zuwenig Probleme adressiert. Die große Kunst für praktische Lösungen ist also das Finden eines Mittelweges, der ein Optimum zwischen widersprüchlichen Anforderungen darstellt. Aber auch Extreme können praktisch sein. Ich verweise hier auf die praktischen Zahlen der Informatik Null, Eins, Unendlich. Hier geht es um die Allokation von Ressourcen oder einfacher ausgedrückt, wie viele Exemplare einer Sache sollte man vorsehen. Habe ich Null davon, dann habe ich keine Belastung damit. Bei einem brauche ich keine Entscheidung zu treffen, weil ich ja nicht auswählen kann. Sind die Ressourcen unbeschränkt dann bedarf es keines Nachdenkens über Ersatz oder Nachschub. In der realen Welt sind aber meist zwei Lösungen besser als eine. Menschen wollen eben nicht nur einfache Einheit, sondern auch aus Vielfalt auswählen können. Und ist extreme Zuverlässigkeit notwendig, dann wird schon aus diesen Gründen Redundanz angesagt sein. Aber trotzdem werden "One Stop" Lösungen fast immer als sehr praktisch empfunden. Genauso wie Automatismen, die der Praxis gut angepasst sind. Ein gutes Beispiel für beide Fälle ist die Suchmaschine GOOGLE, die damit die anderen Suchmaschinen ins Abseits gestellt hat. Unter den Aspekten der Energieeffizienz sind vor allem Nähe und Dichte ganz wichtig. Ein gutes Beispiel sind für mich alle Formen von Marktplätzen. Sie kommen unseren Bedürfnissen nach Übersicht und Auswahl optimal entgegen, fördern auch Unterhaltung und Kommunikation, was könnte praktischer sein! Praktisch ist auch alles Weglassen von Medienbrüchen, siehe dazu das Kapitel über Theorien. Ebenso kann man dort nachlesen, warum Hierarchien praktisch sind. Und natürlich ist die ganze Praxilogie eine große Spielwiese für praktische Ideen. Schluss "Praktisch" ist zwar wichtig und meist auch erstrebenswert, aber es sollte nicht das ausschließliche Ziel unseres Strebens sein. Das Leben wäre damit auf die Dauer zu öde und zu langweilig. Dies war m.M. auch der Grund, warum die Bauhaus-Bewgungen (mit den Prinzipien funktionell, praktisch, billig, haltbar und schön) immer nur zeitweilig akzeptiert waren. Um es wirklich reich zu gestalten, fehlen zumindest Kunst und auch Religion als Ergänzung und Ausgleich. Menschen wollen auch gar nicht alles verstehen, sie wollen auch glauben und Geheimnisse und Esoterisches als Teil ihres Lebens haben. Aber wer Erfolg haben will, sollte doch immer wieder nach praktischen Lösungen streben. Gerade den Politikern will ich dies ins Stammbuch schreiben. "Gut gemeint" alleine genügt nicht. Es muss sich auch bewähren und von den Menschen akzeptiert werden! |
www.buchegger.de/praktisch.html