| Mit 50 Jahren und 28 Tagen bin ich 1994 in den
Vorruhestand gegangen. Mein langjähriger Arbeitgeber hat mir ein Angebot gemacht, das ich
schlecht abschlagen konnte. Heute (1999) bin ich 5 Jahre im Frühpension und meistere
diesen Zustand gut, wie kürzlich sogar mein pubertierender, kritischer Sohn anerkennend
feststellte. Weil viele Menschen entweder gewollt oder auch gezwungen in diese Situation kommen werden, will ich meine persönliche Erfahrung dazu weitergeben. Sie soll helfen, sich besser für oder gegen eine Frühpension entscheiden zu können
Suche nach neuer Arbeit Jeder, der älter als 50 aus einem sicheren Arbeitsplatz ausscheidet, wird nur mit großen Problemen einen neuen, adäquaten Arbeitsplatz finden. Auch die Selbständigkeit ist schwierig zu starten. Wer also vor der Wahl des Vorruhestands steht, sollte annehmen, dass es eine endgültige Entscheidung ist. Sich darauf einzustellen, erspart viel unnütze Mühe und Frustration bei Bewerbungen, die dann doch nichts bringen. Also kann man sich diesen Aufwand getrost sparen. Geld Viele meiner Kollegen und Kolleginnen hatten die Hoffnung, sich durch neue Tätigkeiten etwas dazuzuverdienen und die karge Frühpension aufzubessern. Selbst dies ist schwierig. Es ist also klug bei der finanziellen Planung davon auszugehen, dass man kein Geld dazu bekommt. Allerdings hilft die nun verfügbare, freie Zeit auch mit viel weniger Geld auszukommen. Wichtiger als jede Abfindung ist die Höhe der Betriebsrente. Sie wird letzten Endes entscheiden, wie gut oder schlecht der Lebensabend abgesichert ist. Der Einmalbetrag der Abfindung mag zwar faszinieren, aber er wird nicht ausreichen, das - hoffentlich lange - Pensionärsleben zu finanzieren. Verbringen der Zeit Jeder Berufstätige weiß, wie schnell Urlaubstage vergehen. So vergeht auch ein Frühpensionärtag sehr schnell. Erstens, weil man, wenn man älter wird, ohnehin ein anderes Zeitgefühl hat und die Zeit im allgemeinen viel schneller vergeht. Aber man wird auch etwas später aufstehen, die Arbeiten etwas gemächlicher verrichten, sich Zeit für Pausen nehmen und z.B. auch einen Mittagsschlaf machen. Tatsache ist, dass es unwahrscheinlich ist, dass man nicht weiß, was man mit der Zeit anfangen soll. Wer anfangs doch damit Probleme hat, soll sich ein Haustier oder einen Computer zulegen. Mit beiden kann man viel Zeit verbringen, bei relativ geringem finanziellem Einsatz. Besonders einfach haben es Menschen, die studiert haben. Sie haben während ihres Studiums gelernt, sich die Zeit frei einzuteilen, sich neue Wissensgebiete zu erarbeiten und können damit ihrem Leben Struktur und damit Sinn geben. Kontakte Der Verlust der betrieblichen Kontakte war für mich das schwierigste an der neuen Situation. Diese kann man auch nicht kompensieren. Sie sind ein echter Verlust und der Preis für die neue Freiheit. Ich habe als Alternative dazu versucht ganz neue Kontakte vor allem zu jungen Menschen zu schließen. Dies ist aber nur zum Teil gelungen, ich muss jetzt einfach mehr Zeit alleine verbringen. Dies hat u.a. den Vorteil, dass ich viel Zeit zum Schreiben bekommen habe. Ehrenämter Frühpensionäre sind besonders attraktiv für die Besetzung von Ehrenämtern. Sie haben viel Zeit, sind noch fit, aber doch schon sehr erfahren und haben gute Kontakte. Also, bessere Kandidaten kann man nicht finden. Entsprechend groß ist auch die Verlockung, bei diesen Angeboten zuzusagen. Ich habe die meisten dieser Angebote abgelehnt. Und bin gut damit gefahren. Man kann sich einfach auch mit Ehrenämtern kaputt machen. Wenn es keine Bezahlung gibt, ist die Chance groß, zusätzlich frustriert zu werden. Sonst kann man immer den Frust der Arbeit damit kompensieren, dass man sich sagt, 'es wird ja gut bezahlt', dies ist bei Ehrenämtern nicht mehr der Fall. Unter Umständen (den Steuerberater fragen) kann man seinen Einsatz fürs Ehrenamt als Spende absetzen, dies sollte man auf jeden Fall versuchen, angeblich will ja unsere Gesellschaft das Ehrenamt stützen, wie ich häufig der Presse entnehme. Einen gewissen Dienst an der Allgemeinheit wird man ja machen wollen. Aber bitte nicht zuviel, vor allem aber auch immer zeitlich beschränkt. Dies hilft ungemein, Schwierigkeiten zu überwinden. Und vergesst auch nicht, dass es oft jüngere und besser qualifizierte Bewerber für viele Aufgaben gibt und klebt nicht an euren Ämtern. Neue Aufgaben Mit den Fähigkeiten eines Frühpensionärs kann man ganz Neues riskieren. Das soziale Netz schützt vor extremen Rückschlägen, man hat Zeit, viel Erfahrung, vielleicht in einem langen Leben etwas angesammelt, was man jetzt verwerten und nützen kann. Einige Kollegen sind Reiseleiter geworden, haben dafür kleine Firmen gegründet, z. B. für Radreisen. Ich habe mich als Musikförderer - quasi als Mini-Mäzen - versucht und habe zumindest einige kleine Erfolge damit. Als Beruf könnte ich dies nie machen, denn es bringt zuwenig ein, aber als Hobby, das mir hilft meine CD-Sammlung noch größer werden zu lassen, hat es sich gut bewährt. Man sollte in diese neuen Aufgaben nicht zuviel Geld investieren, Zeit und Liebe zur Sache sind wichtiger für die persönliche Befriedigung. Wer zuviel Geld investiert, macht das Risiko zu groß. Es kommt ja nicht mehr auf eine neue Karriere an, sondern eher darauf, seinem Leben Sinn zu geben. Neue Aufgaben können aus bestehenden Hobby entstehen, aber wer mit offenen Augen durchs Leben geht, wird viele Chancen für Aktivitäten sehen. Familie Die Umstellung für die Familie ist - wie bei jeder anderen Arbeitslosigkeit - riesengroß. Aber nicht nur Probleme entstehen. Es gilt vor allem die neuen Chancen zu nutzen. So kann der Ehepartner jetzt wieder berufstätig werden. Die Kinder können bessere Betreuung bekommen, man kann etwas für die Enkelkinder tun, Wohnung und Haus gut in Schuss halten, man hat Zeit zum Renovieren. Wichtig ist, dass man die Veränderungen abspricht und auch zulässt, dass der Zuhausebleibende auch ein 'Reich' zugesprochen bekommt, in dem er auch wirklich 'herrschen' kann und wo er sich auch zurückziehen kann. Akzeptiert wird er neue Zustand letzten Endes nur dann, wenn er allen Beteiligten mehr Nutzen als Schaden bringt. Es ist deshalb auch immer notwendig die neuen Vorteile herauszustellen und sichtbar zu machen. Gerne wird das Positive vergessen und verdrängt und das Negative zu sehr in den Vordergrund gestellt. Ansehen, Prestige Dieser Punkt ist wichtig für die Selbsteinschätzung und damit verbundene Selbstsicherheit. Fast alle Frühpensionäre werden in irgendeiner Form auch als arbeitslos gemeldet sein. Mit dem Geld, das vom Arbeitsamt kommt, wurden sie ja von ihren Firmen - meist sogar mit Unterstützung der Arbeitsämter - in den neuen Zustand gelockt. Trotzdem sollte man sich nicht als Arbeitsloser vorstellen. Die gesellschaftliche Meinung zu dieser Bevölkerungsgruppe ist immer noch zu negativ. Besser ist es da schon, sich als Frühpensionär einzuschätzen. Aber auch dies ist problematisch. Denn man wird dann gerne in die Reihe der chronisch Kranken eingeordnet und nicht zu den Wohltätern der Gesellschaft gezählt, die den Jungen einen Arbeitsplatz freigemacht haben und dafür freiwillig kürzertreten. Auch der Titel 'Berater', den viele aus dem Industrieumfeld wählen, ist oft eine Lüge, die schnell durchschaut wird. So gilt in den USA das Wort Berater (Consultant) inzwischen als ein Synonym für 'Arbeitsloser'. Die beste Erfahrung habe ich mit den Titel 'Privatier' gemacht. Damit erweckt man den Eindruck, soviel Geld zu besitzen, dass man von den Zinsen leben kann, was ja - da man ja auch die Betriebsrente früher einmal mitverdient hat - im übertragenen Sinne auch stimmt. Reisen Für viele in Deutschland ist die Möglichkeit zu ungezählten Reisen das Beste schlechthin an dem neuen Zustand. In billige Länder zu reisen und dort wie ein König von der kargen Frühpension aus Deutschland zu leben, das ist das Traumziel vieler. Die Realität sieht allerdings oft ganz anders aus. Erstens muss man den Einschränkungen des Arbeitsamtes nachkommen, dann ist Reisen doch nicht ganz so billig, oft fehlt es auch an Reisepartnern, die genug Zeit haben, mitzufahren. Dann gibt es fast immer noch familiäre Verpflichtungen z.B. gegenüber den alten Eltern. Das größte Problem ist aber für viele die immer häufiger notwendige medizinische Versorgung, die Zuhause doch am besten gewährleistet ist. So wird man sicher mehr Ausflüge und Reisen machen können, als zu den aktiven Berufszeiten, aber sicherlich weniger, als man geträumt hat.
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Zusammenfassung Auch wenn vielleicht mein Urteil heute noch als übereilt gilt und das dicke Ende mir noch bevorsteht, so bin ich - und mit mir viele andere Kollegen und Kolleginnen - bisher sehr zufrieden mit meiner Entscheidung. Manches ist zwar anders geworden, als ich es mir vorausgedacht habe. Vor allem sind viele Träume auch bis jetzt noch Träume geblieben und werden es wahrscheinlich auch für immer bleiben. Aber wer
der soll getrost den Antrag zur Frühpensionierung unterschreiben und sich auf ein neues, anderes Leben einrichten. Und gelegentlich mir dann die eigenen, neuen Erfahrungen dazu berichten.
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