Paradoxe Aktionen - Gedanken

Die Grundfrage in diesem Abschnitt ist:
  • Gibt es eine Verallgemeinerung der PARADOXEN INTENTION (nach Viktor Frankl), derart,
  • dass nicht nur die Paradoxe Absicht, sondern eine ganze paradoxe Aktion zum gewünschten Ergebnis führt.

Ich komme zum Schluss, dass in komplexen Situationen die paradoxe Aktion möglich sein kann und als Handlungs-Alternative untersucht werden muss.

Deshalb schlage ich einen PARADOXIE-TEST vor, der lautet:

  • Wie sieht das Gegenteil des Ziels meines Handelns aus?
  • Wie kann ich sicherstellen, dass ich dieses Gegenziel sicher nicht erreiche?

Erfolg und Misserfolg

Mich hat immer die Frage nach den Ursachen des Gelingens interessiert. Und natürlich auch, warum etwas schiefläuft. Dabei musste ich feststellen, dass sehr oft alles sehr gut gemeint war und trotzdem schiefgelaufen ist. Gerade das Gegenteil der ursprünglichen Absicht war dann das Ergebnis des Bemühens.

Im Sommer 1995, am Campingplatz in der Toskana, ging mir ein Licht auf. Ich hatte endlich ein Wort für eine Beobachtung, die ich häufig machte. Sehr oft passierte genau das, was man nicht wollte, genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich wollte.

Ich nannte dieses Phänomen die Verallgemeinerung der verkehrten Absicht oder auch die paradoxe Aktion, nach Victor Frankls Paradoxer Intention.

Es liegt daher der Schluss nahe, das Gegenteil von dem was man erreichen will anzustreben, um das originale Ziel zu erreichen. Aktionen, die der paradoxen Absicht folgen, sind dann paradoxe Aktionen.

Natürlich kann man nicht überall so 'pervers' vorgehen. Vieles läuft geradlinig. Im folgenden will ich untersuchen, wann sich paradoxe Aktionen lohnen und wann nicht.


Die paradoxe Absicht und die paradoxe Aktion

Die Definition der paradoxen Absicht ist:

Mache nach außen das Gegenteil von dem, was du erreichen willst.

Das Ergebnis der paradoxen Aktion ist:

Du erreichst das Gegenteil von dem, was du beabsichtigt hast.

Willst du zum Beispiel befördert werden, dann erzähle um Gottes willen dies niemanden. Sondern im Gegenteil, sage allen, dass du dir aus einer Beförderung nichts machst. Allerdings musst du dabei beste Arbeit liefern, denn sonst hast du wirklich keine Chancen befördert zu werden.


Elemente der paradoxen Aktionen

Ich weiß zwar nicht genau, was alle die zugehörigen Elemente sind. Aber folgendes scheint immer vorhanden zu sein. Man hat es mit einem System von Systemen zu tun. Die alle in Interaktion treten können. Also Systeme mit sehr hoher Komplexität.

Im Extremfall kann es aber auch nur ein Mensch allein sein, der ja mit seinem Innenleben und seinen Außenkontakten auch ein sehr komplexes System darstellt.

Dann muss irgendein Potential von Kraft vorhanden sein. Es kann dies eine Spannung sein, ein Gefühl. Diese Kraft macht sich durch Rückkopplung stärker oder schwächer und kann plötzlich gegen oder für etwas gerichtet sein.

Die internen Kräfte können so stark einander beeinflussen, dass sie alles unbeweglich machen und das System selbst handlungsunfähig machen.

Weiter sind Gleichgewichte vorhanden und die Fähigkeit Gleichgewichte nach Störungen wieder aufrechtzuerhalten oder neue Gleichgewichte zu finden (Homöostase). So kann aus einem Druckgleichgewicht bei einer Änderung dann Gegendruck entstehen, der stärker werden kann als der ursprüngliche Reiz.

Und zur Entkrampfung oder zur Heilung durch Paradoxe Intention ist immer eine gewissen Distanz zum Problem, in dem man gefangen ist, notwendig. Entweder lässt man den Reiz nicht mehr ungefiltert an sich heran oder es wird der Regelkreis zerstört.

Wichtig scheint mir auch noch, dass bei allen untersuchten Mechanismen man sich vor allem darauf beschränkt zu untersuchen, was funktioniert hat, und nicht darauf was funktionieren könnte. Also die beobachtete Realität als gegeben annehmen und nicht in eine Theorie reinpressen zu wollen. Denn nur so werden paradoxe Phänomene erklärbar. Denn nach irgendeiner vorhandenen Theorie sind sie ja nicht erklärbar, sonst wären sie ja nicht paradox.


Was ist PARADOX?

Paradox heißt widersinnig, im Widerspruch zu etwas stehend. Dem Erwarteten zuwiderlaufend. Aber auch etwas, was den Anschein der Absurdität erweckt, was von der allgemeinen Meinung abweicht, was sonderbar oder auffallend ist, ist paradox. Ich werde als deutschen Ausdruck auch das Wort 'verkehrt' verwenden.


Die Paradoxe Aktion

Da eine Aktion aus den Phasen Absicht, Planung, Durchführung und Ergebnis besteht, ist sie paradox, wenn eine oder mehrere Phasen paradox sind.

Es kann eine paradoxe Absicht (paradoxe Intention), eine paradoxe Planung, eine paradoxe Durchführung oder eine paradoxes Ergebnis vorkommen.

Salopp gesagt, läuft in einer paradoxen Aktion etwas oder alles ganz anders als von der bisherigen Erfahrung oder einer Theorie erwartet.

Allerdings will ich gleich hier eine Warnung zur Anwendung der paradoxen Aktion aussprechen und das ist die Gefahr der Manipulation von Menschen. Eine ganze TV-Serie, nämlich "Hogan's Heroes" (zu deutsch "Ein Käfig voller Helden") nutzt fast ausschließlich den Witz der paradoxen Aktion. Aber was im Fernsehen prima funktioniert, wird im richtigen Leben schnell schal. Im Umgang mit pubertierenden Kindern wird die paradoxe Aktion noch am ehesten angebracht sein, aber sie kann z.B. nicht die Ehrlichkeit als Fundament einer gleichwertigen Partnerschaft ersetzen. Hier wird sie schnell durchschaut werden und kann dadurch zerstörerisch wirken.


Die Impfung

Die Impfung ist ein perfektes Beispiel einer verkehrten Absicht. An Hand ihres Beispieles will ich die Mechanismen erklären, die sie so wirkungsvoll machen.

Wenn man nur die Durchführung einer Impfung betrachtet, hat man den Eindruck, sie ist verkehrt. Die Absicht ist aber, den Körper immun zu machen. Der wirkliche Ablauf ist kausal begründbar und der Erfolg gibt der Theorie recht.

Der vereinfachte Grundgedanke einer Impfung ist, einem Gesunden Menschen abgeschwächte Krankheitskeime zu impfen. Aus einer Gegenwehr des Körpers entstehen so viele Abwehrkräfte, dass dann später auch gefährliche Keime getötet werden können. Das Ergebnis ist, dass der Geimpfte die Krankheit nicht mehr oder nur in einer harmloseren Variante bekommt.

Ein menschlicher Körper in seinem Umfeld befindet sich in einem sehr komplexen Gleichgewicht. Viele Kräfte wirken von außen ein und haben entsprechende Reaktionen von innen. Umgekehrt hat jede Aktion des Körpers auch Reaktionen der Außenwelt zufolge. Offenbar sind solche Gleichgewichte eine Grundlage des Erfolges der paradoxen Aktion. Denn im Aufrechterhalten von Gleichgewichten entstehen nach Störungen die Gegenkräfte. Und diese Gegenkräfte werden dann im Kampf zu den entscheidenden Kräften.

Aber dieser Vorgang muss relativ langsam vor sich gehen und der erste Angriff darf nicht vernichtend wirken. Denn sonst kann das System nicht lernen und es können sich auch keine Gegenkräfte entwickeln.

Damit sind die wesentlichen Ingredienzien für den Erfolg der paradoxen Absicht beisammen. Sie wirkt im wesentlichen in

• komplexen Systemen,

• die im Gleichgewicht gehalten werden,

• in denen Vorgänge relativ langsam ablaufen

• und in denen Vorgänge reversibel sein können, d.h. nicht sofort mit totaler Veränderung zu rechnen ist.


Die Paradoxe Intention nach Viktor Frankl

Sehr vereinfacht lautet diese:

Stelle dir ganz plastisch vor, das Ereignis, vor dem du panische Angst hast, passiert wirklich, und plötzlich ist diese Angst weg.

Dies wird in der Verhaltenstherapie auch als Desensibilisierung bezeichnet. Allerdings hat nicht jeder das Glück, dass die Angst dann wirklich plötzlich weg ist. Oft muss dabei dann 'systematisch' vorgegangen werden.

Ich will dazu ein Beispiel anführen, von dem ich selbst über viele Jahre betroffen war und das ich mit der paradoxen Intention fast schlagartig verlor.

Einmal bei einem Zahnarztbesuch hatte ich den Eindruck, dass ich durch Würgen fast erstickt wäre. Mit dem Mund voller Geräte wurde ich von der Zahnarzthelferin alleingelassen und konnte mich beim Würgen nicht mehr selbst befreien. Ab diesem Zeitpunkt mied ich Zahnärzte, was natürlich für meine Gesundheit nicht sehr förderlich war und dazu führte, dass ich nur noch die allernotwendigsten Zahnarztbesuche machte, die dann alle eine große Qual nicht nur für mich, sondern vor allem auch für die Zahnärzte wurden.

Jemand erzählte dann von einem Klinikaufenthalt und seiner Erfahrung mit den Erkenntnissen Viktor Frankls und machte mich neugierig, dies doch auch einmal auszuprobieren.

Beim nächsten Zahnarztbesuch, als bedingt durch meine Angst und eine empfindliche Schleimhaut, ich wieder zu Würgen begann stellte ich mir vor, dass ich mich jetzt zu Tode würgen werde und begann gleich an mein Begräbnis zu denken. Wirklich war schlagartig die Würgeangst weg! Der Zahnarzt, der um mich Bescheid wusste, war ganz verwundert.


Die Vortragsangst

In meiner Zeit als Ausbildungsleiter musste ich erfahren, dass viele Menschen eine sehr große Angst haben, vor einem größerem Publikum eine Rede zu halten.

Mit Viktor Frankls Methode in meinem Erfahrungsschatz konnte ich vielen von Ihnen helfen. Wir haben uns gemeinsam vorgestellt was alles Schreckliches passieren wird, wenn sie den Vortrag beginnen. Beim Hinaufsteigen aufs Podium werden sie stürzen, sie werden aus Nervosität die Vortragsunterlagen vom Pult werfen, das Wasserglas wird umgestürzt und der Overheadprojektor wird explodieren.

Danach waren die Vortragenden auf alles gefasst und in den meisten Fällen war zwar immer noch etwas Lampenfieber da, das ja auch nützlich ist die Konzentration zu behalten, aber die panische Angst war weg. Viele Menschen sind mir aus diesem Grund noch heute dankbar, dass ich Ihnen mit Frankls Ideen helfen konnte, ein Trauma zu überwinden.


Warum wirkt die Paradoxe Intention?

Es gibt dazu genügend wissenschaftliche Untersuchungen. Aber ich erzähle ihnen meine Empfindungen dazu.

Die vorherrschende Angst hat mich so erregt, dass sie mich gelähmt hat. Die Vorstellung, dass das befürchtende Ereignis endlich eintritt hat die Angst ausgelöscht und mich frei gemacht die Situation gefasst und sozusagen normal zu überwinden. Auch hier ist wieder ein Kräftespiel vorhanden, nur dass jetzt keine Gegenkraft (hier wäre es der Mut) entsteht, sondern dass die ursprüngliche Kraft (die Angst) ausgelöscht wird.

Man könnte auch sagen, das ich mit der paradoxen Absicht das Ereignis, das mich bewegt hat, so beeinflusst habe, dass es mich jetzt nicht mehr aufregt. Ich selbst habe also entschieden wie ich auf externe Einflüsse reagieren möchte. Die Reaktion ist dadurch zu meiner Reaktion geworden. Viktor Frankl's Anhänger nennen dies die Proaktivität.

So einfach wie ich dies hier darstelle, ist dies allerdings oft nicht. Es ja auch nicht meine Absicht, den Psychotherapeuten ins Handwerk zu pfuschen. Die Angst ist oft verselbständigt, wird als etwas Fremdes, Bedrohliches erlebt. Was ist, wenn man keinen konkreten Grund für die Angst findet? Eine bewusste Entscheidung ist dann meistens nicht möglich.


 Das Verbot.

Sie alle wissen es. Die Kartoffel erlangte erst dann in Europa die gewünschte Verbreitung als Volksnahrungsmittel, als ihr Genuss verboten wurde. Mit Absicht wurde hier ein Verbot ausgesprochen, um gerade das Gegenteil zu erreichen.

Ein anderes Beispiel stammt aus der Kindererziehung. Man sagt es gibt drei Methoden, um etwas erledigt zu bekommen:

1. Du machst es selbst

2. Du bezahlst jemanden dafür

3. Du verbietest es deinen heranwachsenden Kindern

Warum bewirkt das Verbot gerade das Gegenteil, warum und wann ist es eine Paradoxe Aktion?

Das Verbot als verkehrte Aktion wirkt vor allem dann, wenn zwischen dem, der das Verbot ausspricht und dem, der es einhalten soll eine intensive Beziehung besteht. Wenn Sie wollen, herrscht hier wieder ein Kräftespiel.

Beim Kartoffelverbot in Frankreich unterstellten die Bauern der Herrschaft, dass diese selbst allein in den Genuss der Kartoffel kommen wollte. Kinder in der Pubertät streben die Unabhängigkeit von den Eltern an und nehmen jede Gelegenheit wahr, etwas anderes zu tun, als das, was die Eltern vorleben und tun. Deshalb ist das Verbot ein willkommener Anlass sich besonders anzustrengen das Verbotene zu tun.

In meinen Augen hat gerade die katholische Kirche mit ihrer Sexuallehre diesen Mechanismus perfekt durchschaut. Mit ihren vielen Verboten fördert sie bestens die Sexualität und bringt den meisten Beteiligten sogar noch höchsten Genuss, wenn sie sich über die Verbote hinwegsetzen. Lediglich schwache und zu enggläubige Menschen, die nicht in der Lage sind genügend Gegenkräfte aufzubringen, lassen sich von lebensfremden Verboten beeinflussen. Den meisten aber wird das Verbot zur Herausforderung, die es gilt zu überwinden.


Die Schwäche wird zur Stärke

Oft gelingt es, aus einer Schwäche ein Stärke zu machen. Ich war zum Beispiel ein sehr nervöses Kind. Mit 18 hatte ich nervöse Schluckbeschwerden und musste in Behandlung gehen. Nach eingender Untersuchung war klar, dass es an mir lag, ob ich mein Leiden weiterpflegte oder nicht.

Ich habe in der Folge viele Gegenreaktionen zur Nervosität entwickelt. Ich bin immer rechtzeitig weggegangen, sodass ich unterwegs nie in Stress kam zu spät anzukommen. Ich habe meistens alle meine Hausaufgaben gemacht und war dadurch gut vorbereitet und konnte auch schwierige Situationen gut meistern.

Im Laufe der Zeit erweckte ich zumindest dadurch nach außen den Eindruck der Ruhe und Souveränität. Und in dem Maße, indem ich dies von meiner Außenwelt immer wieder bestätigt bekommen habe, dass ich so ein Ruhepol sei, bin ich wirklich ein ruhiger und gelassener Mensch geworden.

Die Summe der Gegenreaktionen zu meiner Nervosität und Empfindsamkeit hat mich als Ruhepol erscheinen lassen. Die innere Empfindsamkeit habe ich mir bewahrt, aber sie ist mir heute nützlich zum Erkennen und nicht mehr der Auslöser für nervöse Überreaktionen.

Ich habe in vielen Gesprächen mit anderen Menschen festgestellt, dass sehr oft deren scheinbare Stärken aus deren früherer Schwäche entstanden ist.

Da immer noch Reste der Schwäche vorhanden sind, gelingt es den Menschen, die eine Schwäche überwinden, eine ganze Skala von Aktionen anzubieten. So können beispielweise sehr empfindsame Menschen zu perfekten Durchhaltetypen werden.

Helmut Kohl war für mich so ein Beispiel. Ich schätze ihn als ausgesprochen empfindsam ein. (Ich weiß, dass mir hier viele widersprechen werden.) Und trotzdem war er perfekt im Aussitzen von peinlichen und schwierigen Situationen.

Die Gegenkräfte zu einer Schwäche haben eine Stärke entstehen lassen. Ein weiteres Beispiel für eine paradoxe Aktion. 


Sozialismus und Kapitalismus

Wir alle, die wir in der heutigen Zeit leben, sind Zeugen eines einmaligen historischen Experimentes geworden. Nach etwa 80 Jahren hat sich der Kapitalismus als das weniger schlechte Wirtschaftssystem erwiesen. Obwohl doch die theoretischen Grundlagen des Kommunismus nicht nur mir in meiner Jugend, sondern auch vielen anderen klugen Köpfen als die ethisch besseren erschienen sind, hat er sich in langjähriger Praxis nicht bewährt.

Trotzdem doch der Kapitalismus in seinem Kerne ein unfreundliches, nur auf Wettbewerb und Eigennutz basierendes System ist, hat er mehr zum wirtschaftlichen Wohle der Menschheit beigetragen als der sozusagen gute Kommunismus.

Ein Leser schreibt seine Erklärung dazu: der Kapitalismus hat nach meiner Ansicht nicht als paradox über den Sozialismus gesiegt! Er hat gesiegt, weil er den Naturgesetzen ähnlicher ist, als der Sozialismus. Die natürliche Selektion beispielsweise, ist Grundlage kapitalistischer Evolution. Der Sozialismus in Reinform hat hier nicht viel anzubieten, was auch der Grund dafür ist, dass die meisten (auch streng gleichgeschalteten) Sozialismen über kurz oder lang kapitalistische Züge zeigen. Das Streben nach einer optimalen Position im System ("Welt") ist den Lebewesen angeboren. Es wird stets um das gekämpft, woran es mangelt. Egal, ob du Pflanze, Mensch oder Tier bist! Wenngleich die tierische Natur auch sozialistische Elemente zeigt (z.B. Symbiose), so überwiegt doch der Konkurrenz-Effekt, welcher von keiner Staatsform besser abgebildet wird, als vom Kapitalismus!


Uninteressierte Menschen sind angenehmer

Ein Reiseschriftsteller der Jahrhundertwende, Keyserling, ist mir in Erinnerung geblieben. Er hat mir z.B. gesagt, dass der kürzeste Weg zur Selbsterkenntnis eine Weltreise ist. Natürlich eine Reise im Stil der alten Zeit, mit vielen Schwierigkeiten und mit einem intensiven Austausch mit fremdländischer Kulturen.

Aber besonders wichtig ist mir seine Erkenntnis geworden, dass er jene Menschen als besonders angenehm empfunden hat, die KEIN Interesse daran gezeigt haben, ihn verändern zu wollen. Sondern ihn so genommen haben, wie er ist. Er hatte gesagt, die Uninteressierten seien die wichtigsten und angenehmsten Menschen für ihn gewesen.

Diese Erkenntnis hat mich, der ich zu diesem Zeitpunkt erziehender Vater war, mehr als überrascht. Und die Frage drängte sich auf, wie denn mein Interesse zu meinen Kindern ist. Und ob es denn dann nicht schädlich wäre, wenn ich zu sehr an ihrem Wohle interessiert bin? Die Frage ist ja, ob es immer so offensichtlich ist, was zum Wohle des Anderen ist.

Sozusagen ihnen schade, wenn ich ihr Wohlwollen wünsche? Wenn dies keine paradoxe Absicht darstellt!


Wer keine Angst vor dem Sterben hat, der lebt besser

Wie gesagt, ich war ein sehr ängstlicher junger Mann. Ein großes Problem für mich war das Fliegen. Da mich niemand auf die Erlebnisse beim Fliegen vorbereitet hatte, bin ich auf meinem ersten Flug vor Angst fast umgekommen.

Ich muss dazu sagen, dass mein erster Flug von Wien nach Zürich und zurück führte. Bei Föhn kann dieser Flug, der noch dazu wegen seiner kurzen Distanz in relativ geringer Höhe statt findet, wirklich unangenehm sein.

Und speziell die Landung in Wien, am Rande des Wienerwaldes, ist fast immer etwas unruhig. Irgendwann sagte ich mir dann während des Fluges, es ist meine letzte Stunde und ich ließ mein Leben Revue passieren. Und ich stellte fest, dass es eigentlich ein brauchbares Leben gewesen wäre, selbst wenn ich jetzt sterben sollte. Ab diesem Augenblick hatte ich kaum noch Angst vor dem Fliegen. Ich habe später sehr viele Flüge unternommen, darunter waren auch einige sehr Unangenehme. Ich habe viele Leute trösten können, wenn ich merkte, wie auch sie Angst hatten.

Und alles lief besser, weil ich keine grundsätzliche Angst vor dem Sterben mehr hatte. Natürlich lebe ich auch heute noch gerne, aber ich denke ich lebe deshalb viel besser, weil ich sehe, dass das Sterben auch eine Möglichkeit ist, mit der ich mich abfinden muss.


Der Ehevertrag mit Scheidungsregelung

Nachdem ich erkannt habe, dass das deutsche Eherecht nur dazu dient, bei Eheschwierigkeiten ein Maximum an Einkommen für die Rechtsanwälte zu sichern und dass niemand dem Staat Geld abfordern kann habe ich mich vor der Verheiratung mit der Frage eines Ehevertrages beschäftigt. Eine absolute Notwendigkeit, wie mir heute übrigens im Rückblick immer klarer wird.

Und in einem Ehevertrag sollte geregelt sein, wie die Scheidung vorzunehmen ist. Wenn das nicht paradox ist, dachte ich mir seinerzeit.

Aber es zeigte sich, dass es mehr als klug war, diese Frage im Voraus zu regeln. Niemand wurde mehr erpressbar oder konnte mit Ungewissem überrascht werden und in der Folge habe ich eine Ehedauer erreicht, die mir bei keiner anderen Verpflichtung vorher gelang. Sicherlich waren noch andere glückliche Umstände daran beteiligt, aber ich bin überzeugt, dass eine Festlegung der Scheidungsregelung bei der Eheschließung ein wesentliches Element, so paradox es klingt, daran ist, dass dieser Vertrag für mich lange gehalten hat.


Die optimale Geschwindigkeit

Es scheint so was wie intrinsische oder auch natürliche Geschwindigkeiten in komplexen System zu geben. Manchmal ist diese natürliche Geschwindigkeit einfach ein langjähriger Mittelwert und ein optimaler Wert zur Erreichung eines Ergebnisses.

Wenn man nun versucht, schneller als die optimale Geschwindigkeit voranzukommen, dann stellen sich so viele Schwierigkeiten in den Weg, dass man dann im Endeffekt langsamer ankommt. Und wenn man langsamer, aber dafür vielleicht sorgfältiger voranschreitet, ist man plötzlich schneller am Ziel als erwartet.


Menschen, mit denen man keinen Kontakt haben will

Sie kennen sicher das Phänomen. Menschen, die Sie meiden, hängen am intensivsten an Ihnen. Warum eigentlich? Ist es so, dass diese Menschen auch an allen anderen wie Kletten hängen?

Nein, meistens wollen sie nur den Kontakt mit denen, denen sie auf den Geist gehen. Offenbar wirkt die Ablehnung anziehend. Vielleicht stellt Ablehnung den Selbstwert in Frage. Anklammerung ist dann oft das Verlangen nach Bestätigung und Zuwendung. Mir ist selbst nicht klar, warum das so ist, aber dass es so ist, konnte ich oft genug erleben.


Ein weiteres Beispiel

Ein Grund für paradoxes Verhalten eines Systems scheint die mangelnde Kenntnis der inneren Zusammenhänge zu sein.

Ich nehme hier ein Beispiel aus der Sprengtechnik zu Hilfe.

Wenn ich eine kleine metallene Kapsel mit dem Hammer schlage, dann erwarte ich ein Verbiegen der Metallhülse. Habe ich aber eine Sprengkapsel vor mir, dann wird der Schlag viel mehr auslösen, es wird eine schreckliche Explosion stattfinden.

Mein Nichtwissen über das vorhandene Potential im Inneren der Kapsel hat zur Folge, dass ich vom Ergebnis meines Handelns überrascht werde.

So ist es sicherlich auch im Umgang mit vielen anderen Systemen. Da ich komplexe Systeme nicht vollständig erkennen kann, mache ich mir ein Modell davon, ein - immer - vereinfachtes Abbild. Die Folgen einer Aktion sind so nicht mehr voraussagbar. Oft wird der Wunsch nach einem bestimmten Ergebnis auch die Wahrnehmung für andere Möglichkeiten von Ergebnissen sehr einschränken. Meine Vorstellung macht mich blind für die Realität.


Verändern eines Gleichgewichtes

Meine Annahme ist also, dass wir es mit komplexen Systemen mit inneren und äußeren Gleichgewichten zu tun haben. Dieses System wird jeder Veränderung eine Gegenkraft entgegensetzen, damit das Gleichgewicht erhalten bleibt.

Gelegentlich ist die Gegenkraft größer als die Originalkraft. Es kommt dann zu einer paradoxen Aktion. Es wird dann nämlich gerade das Gegenteil bewirkt von dem, was erreicht werden sollte.

Leichter wird die Veränderung im System, wenn ich dessen Teilkräfte, ich nenne sie gerne die molekularen Kräfte, in meine gewünschte Richtung ausrichten kann. In diesem Fall wird meine Außenkraft den gewünschten Erfolg zeigen.

Also muss ich vor meiner Aktion die molekularen Kräfte des Systems ausrichten. Oder meine erste Aktion muss sein, diese Ausrichtung vorzunehmen. Normalerweise werde ich dazu kommunizieren müssen.

Ich muss also eine Möglichkeit haben, mit Kommunikation alle Elemente des Systems zu erreichen. Kann ich das nicht, was oft der Fall ist, ist die Überraschung vorprogrammiert.

Nach dem Vorhergesagten können dauerhafte Veränderungen nur ganz langsam erfolgen. Nur wenn ein ständig neues Gleichgewicht erreicht wird, bleibt die Situation stabil und ändert sich nicht zurück. In der Physik spricht man dann von quasistationären Vorgängen, in der Biologie nennt man langsam verlaufende Vorgänge evolutionär.

Des Gegenteil zur Evolution ist die Revolution. Hier kommt es zu extrem schnellen, meist mit radikaler Veränderungen verbundenen Änderungen. Und obwohl die Revolution für kurze Zeiträume große Veränderungen bringt, so zeigt doch die historische Entwicklung, dass nur die langsamen, sie begleitenden Prozesse die wirklichen neuen Zeiten bringen. Sehr oft heißt es dann bei den sogenannten Revolutionen: So schnell wie sie gekommen sind, so schnell sind sie auch wieder verschwunden. Das Effektivste an einer Revolution ist eine neue Denkweise. Sie vermag dann die molekularen Kräfte entsprechend zu bündeln und auszurichten.


Schluss

Nur bei langsamen, nichtkomplexen Prozessen, in Systemen, die man sehr gut kennt, ist nicht mit Paradoxen Ergebnissen zu rechnen. In allen anderen ist immer die Möglichkeit vorhanden, dass 'es verkehrt läuft'. Die paradoxe Aktion ist dann eine Vorgehensweise, die mit in Betracht gezogen werden muss.

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© 2005 Otto Buchegger Tübingen