Glückliche Bücher

Als ich noch in der Wissenschaft tätig war (lang ist es her, ich habe übrigens seinerzeit in der Halbleiterphysik gearbeitet), da wurden wir von unserem Doktorvater angehalten, bei Besuchen in anderen Forschungsstätten darauf zu achten, welche Bücher (und auch Zeitschriften) dort herumlagen. Besonders sollten wir darauf schauen, wie abgegriffen, benutzt oder verschmutzt diese waren. Je mehr Gebrauchsspuren, um so wichtiger würden diese Bücher sein, meinte er.

Diese Vorgehensweise ist mir in Fleisch und Blut übergegangen und auch noch heute schaue ich mich in fremden Umgebungen gerne um, wie sich denn die Menschen dort informieren und unterhalten. Leider haben die elektronischen Medien diese direkte Beobachtung verändert, d.h. sehr erschwert, z.T. auch unmöglich gemacht. Heute muss man schon Logfiles (das sind die Dateien, wo die Benutzerzugriffe aufgezeichnet werden) interpretieren können und sich mit Page Ranks auskennen (sie werden von Google vergeben und gehen von 0 - 10; 0 ist unbekannt, 10 ist weltweit benutzt), will man guten Durchblick haben.

Ich habe mir Bücher immer wie Lebewesen vorgestellt und sie in glückliche und unglückliche Bücher unterteilt. Die unglücklichen sind wie ungeliebte Kinder, sie existieren zwar, aber sie haben kein schönes Dasein. Es gibt davon sowohl Arme, wie auch Reiche. Die Armen landen ungelesen im Altpapier, die Reichen stehen ungelesen im Bücherregal. Das Glück eines Buches besteht darin, dass es eine Wertschätzung erfährt, z.B. dass es benutzt wird. Wie üblich bei mir, habe ich eine Skala versucht, die Wertschätzung eines Buches zu taxieren.

Das Buch Wertschätzung
Wird im Selbstverlag gedruckt 1 - 10
Erscheint in einem renommierten Verlag 3
Wird angelesen 1
Wird in einem Zug durchgelesen 7
Wird öfters gelesen 8
Wird weitergegeben 4
Wird kopiert 4
Wird überall hin mitgenommen 8
Wird gestohlen, geklaut 10
Wird gekauft 5
Wird verschenkt 2 - 7
Wird zitiert 5
Erscheint in Bestsellerlisten 3
Ist ein Gesprächsthema 4
Gehört zur Klobibliothek 7
Wird zu Tode gelesen 10

Über die Punkte, die ich vergebe, kann man gerne diskutieren, sie sind nicht wirklich wichtig. Sie sollen nur die Grundidee wiedergeben, nämlich, dass der Wert nicht der Preis ist, der auf dem Umschlag steht, sondern der Wert durch die Beziehung des Lesers zum Buch entsteht.

Glückliche Bücher sind deshalb geliebte Bücher, weil ihr Inhalt Glück bereitet. Da Glück für verschiedene Menschen verschieden sein wird, wird es auch viele verschiedene, glückliche Bücher geben.

Meine absoluten Lieblingsbücher sind kleine, handliche Liederbücher. Sie regen mich zum Singen an, das mir besonders in der Gemeinschaft große Freude bereitet. Dazu gehört auch das Kommersbuch, eine Sammlung von Volks- und Studentenliedern, das auf Grund der deutschen Geschichte heute keine große Bedeutung mehr hat. Auch die Gesangbücher der Kirchen sind überwiegend glückliche Bücher.

All diesen Büchern ist ein handliches Format zu eigen, sie sind im wesentlichen im DIN A6 Format (10,5 x 14,85 cm). Und ich bin überzeugt, dass das Format - neben dem Inhalt - der zweitwichtigste Faktor für glückliche Bücher ist. Nur ein kleines Buch kann man immer bei sich tragen und das will man ja auch. Das Buch soll bei mir sein, soll mich aber nicht belasten, wie ein treuer Freund und ständiger Begleiter soll es mir Freude bereiten.

Das kleine Format ist kein Hindernis für großartige Inhalte. Reclam hat viele Klassiker der Weltliteratur in diesem Format untergebracht, eine Leistung, der ich großen Respekt zolle. Wird es vielleicht einmal BOD (Book on demand) in diesem Format und in ähnlicher Aufmachung geben, dann werde ich mir überlegen, von meiner Veröffentlichungspraxis im Internet (und nur im Internet) Ausnahmen zu machen.

Selbst Fotos kann man im kleinen Format gut wiedergeben. Ich habe mit den CEWE Fotobüchern (genauer, den 14 x 13 cm großen Fotoheften) schon vielen Menschen große Freude gemacht. Besonders lieben sie meine Enkelkinder, denn auch kleine Kinderhände können sie gut halten und anschauen.

Und wenn sie "zu Tode gelesen wurden", das heißt vom vielen Gebrauch zerfetzt und unappetitlich geworden sind, dann kann man sie selbst wieder nachmachen lassen. Leider geht dies mit vielen anderen, käuflichen Büchern oft nicht, weil sie nur limierte Zeit erhältlich sind.

Glückliche Bücher werden also oft Taschenbücher sein. Ihr Repräsentationswert wird eher gering sein, man wird mit ihnen kaum "angeben" können. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wie Atlanten, Lexika und andere Handbücher, die fest an einem Ort sind und für die das Mitnehmen nicht so wichtig ist. Sie können dann in dem Format sein, das für ihre Aufgaben das zweckmäßigste ist.

Das kleine Format, der geringe Preis und der wichtige, spannende oder unterhaltsame Inhalt bringen viele dieser Bücher auf die Toilette, für manche der einzige Ort, wo sie in Ruhe und entspannt lesen können.

Ich habe selbst mit meinen Aphorismensammlungen solche kleinen Büchlein hergestellt, es dann aber aufgegeben, weil mir das Kopieren und Binden zu mühsam war, aber noch heute, viele Jahre später, erreichen mich Anfragen dazu. Offensichtlich waren es glückliche Bücher, die den Lesern etwas bedeutet haben.

Zu meinen glücklichen Büchern gehören auch meine speziellen Notizbücher, z.B. das Joy Book oder meine Heftchen mit Reisenotizen.


Einige Worte will ich auch zu den unglücklichen Büchern verlieren. Dazu gehören viele Memoiren. Wen interessiert schon, was Kanzler oder Außenminister gedacht und gemacht haben, wenn die meisten froh waren, als sie endlich die politische Bühne verlassen haben und damit Deutschland sich wieder erholen konnte.

Politiker verbrauchen sich durch ihre Arbeit und meistens sind die Memoiren nur eine Rechtfertigung, dass sie diese gut gemacht haben, auch wenn sie gescheitert sind. Selbstverständlich werden diese Bücher gekauft, will doch jeder, der sich für wichtig hält, nachschauen, ob er auch drin vorkommt. Ihre Auflagen sprechen eher für die kurze Neugierde der Leser, als für länger andauerndes Interesse.

Ein ganz unglückliches Medium scheint mit die Wochenzeitung "Die Zeit" zu sein. Hier killt ein unpraktisches Format schlicht die Freude am Lesen. Schade um den (wahrscheinlich) guten Inhalt, aber offenbar ist daran nichts zu ändern.


Eine kurze Zwischenzusammenfassung

Glückliche Bücher bieten einen Inhalt an, der zum Glück der Menschen beiträgt, sei es dass er erfreut, unterhält, tröstet, gute Gefühle vermittelt, zur Aktivität animiert oder dass er informiert, Vorteile verschafft, Bewährtes weitergibt, im weitesten Sinne bildet.

Ihr Format ist so klein wie möglich, ebenso ist ihr Preis der niedrigst mögliche. Geht der Inhalt über Aktuelles hinaus und ist eher zeitlos, dann muss das Buch über einen langen Zeitraum (sicher einige Jahrzehnte) nachkaufbar sein.


Mit dem eigenen Lesen und Besitzen ist das Potenzial glücklicher Bücher bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Man kann viel mehr mit ihnen machen. Wer Kinder und andere Zuhörer hat, kann sie vorlesen. Man kann sie weiterschenken, nicht nur Bekannte und Freunde, sondern auch an Wildfremde, in dem man sie dort ablegt, wo jemand anderer dankbar ist, sie zu finden.

Eigentlich ist ein Bücherschrank oder Bücherregal der falsche Ort für sie. Entweder man liest sie regelmäßig und hat sie "bei der Hand" oder man gibt sie weiter. Als Dank wird man zumindest gute Gespräche bekommen, wenn man Gleichgesinnte gefunden hat, denen sie auch gefallen.

Ich gebe sie auch gerne günstig an einen netten Antiquar ab. Als Gegenleistung kann ich mir dann gelegentlich selbst wieder was bei ihm aussuchen. Er freut sich übrigens auch über die praktischen Verpackungen, wenn ich Bücher bei Amazon bestelle und nach Hause geliefert bekomme. Wie Bücher, so sind auch sie für das Altpapier zu schade und sollen so oft es geht, wiederbenutzt werden.

Selbstverständlich werde Buchhändler nicht gerade erfreut sein, wenn sie all diese Vorschläge lesen. Aber sie sollten nicht vergessen, dass sie alle eine Liebe zu einem Medium ausdrücken, ohne die auch sie langfristig nicht existieren werden können.

Ich verfolge gerne Bestsellerlisten, bei Büchern aller Art, wie übrigens auch bei Musik. Sie geben ganz gut die aktuellen Themen wieder, aber was mir fast wichtiger erscheint, das sind Listen mit dem Inhalt einer allgemeinen Haus- oder Handbibliothek. So ähnlich, wie ich das bei der Popmusik mit der Inselliste gemacht habe, sollten jene Titel drauf sein, die dauerhaft wichtig sind. Wörterbücher würde ich drauf setzen, einen empfehlenswerten Atlas, den 5 bändigen Brockhaus, einen Duden, eine Reclam- Auswahl, ein gutes Kochbuch, ein Bestimmungsbuch für Pflanzen der Region, das örtliche Telefonbuch, eine Chronik der letzten hundert Jahre, für einige gehört sicher auch die Bibel dazu, u.a.m.

Trotz vielfältiger Konkurrenz im Internet halte ich diese Bücher für unentbehrlich. Wahrscheinlich führt schon jemand diese Inhaltsliste, aber sie ist mir noch nicht untergekommen. Wie bei einer Haus- oder Reiseapotheke wird man sie regelmäßig in Teilen erneuern müssen.

Können wir von den glücklichen Büchern etwas für die anderen Medien, z.B. auch für das Internet, lernen? Ich denke doch. Der Hauptvorteil von gedruckten Büchern ist ihre hohe Verfügbarkeit. Man kann sie nahezu in jeder Umgebung und fast unabhängig von Infrastruktur (wie Stromnetz, Funknetz) lesen. Wer ihre Inhalte im Netz ersetzen will, der muss sich schon anstrengen, um eine ähnliche Verfügbarkeit zu erreichen. Und er muss auch schnelle Datenleitungen zur Verfügung stellen, soll das Netz z.B. mit dem Blättern in einem Buch mithalten können.

Der zweite Vorteil ist die Haptik, das gute Gefühl, wenn man sie in der Hand hat. Im Laufe der Zeit werden dies Handys auch erreichen, denke ich, aber zu welchen Kosten!

Als weiterer Vorteil wird sich die Ruhe erweisen, die das Buch vermittelt. Keine Flashes, keine aggressive Werbung, kein Sound, nichts was ablenkt! Anbieter von Internetinhalten werden darauf ebenso achten müssen.

Natürlich hat das Buch auch Nachteile. Es kann schnell veralten (z.B. bei Fahrplänen), weil die Aktualisierung unvergleichlich aufwändiger ist. Sein Inhalt ist auch Texte und Bilder beschränkt und seine Inhalte lassen sich nicht so leicht mit anderen teilen.

Aber es wird dennoch nicht aussterben, davon bin ich überzeugt. Vor allem wenn es guten Autoren und kreativen Verlegern gelingt, weiterhin glückliche Bücher herauszubringen.
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