| Für mich - als geborener Österreicher - war Frankreich nie der Erzfeind. Es
war das Land großer Herrscher, in vielen Belangen ein Vorbild für den österreichischen
Thron. Eine Tochter von Maria Theresia, Marie Antoinette, wurde sogar mit dem
französischen König Ludwig XVI vermählt und auf ihrer Fahrt nach Paris ist sie direkt
bei meinem Stadtteil in Linz vorbeigefahren, woran bis heute die Dauphinestraße erinnert.
Damit hatte ich schon als Kind einen Bezug zu Frankreich. Im Gymnasium hatte ich Französisch als erste Fremdsprache, was in der amerikanisch besetzten Zone Österreichs ungewöhnlich war und mein Frankreichbild wurde durch meine geschätzte Lehrerin Dora Klemt geprägt. Sie liebte Frankreich, hatte ihre Tochter nach Paris verheiratet, war deshalb auch oft dort und sprach auch gut Französisch. Zur Matura (Abitur) hatte ich das Thema "Mont St. Michel" bekommen. Natürlich habe ich dann später auch Versuche unternommen, ihn selbst zu besuchen, aber es haben mich immer die Menschenmassen dort abgehalten, ihn besser kennenzulernen. So habe ich nur Fotos aus der Ferne von ihm und keine Details. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, warum ich immer noch davon träume, mit dem Wohnmobil durch Frankreich zu fahren, um ihn dann gleich früh am Morgen oder noch spät am Abend sehen zu können. Als guter Schüler habe ich in französischer Tradition jedes Jahr Preise bekommen, meistens waren es Fotobände über Paris. So kannte ich schon viele Jahre vor meinem ersten Parisaufenthalt alle prominenten Denkmäler und wurde vom frankophonen Schüler zum frankophilen Frankreichfan. In Österreich verwendet man bis heute viel mehr Wörter, die aus dem Französischen kommen, wie Trottoir für Gehsteig, Gehweg oder Lavoir für Waschschüssel. Französisch war nicht die Sprache des gehassten Nachbarn, sondern die Sprache der Aristokratie und der Diplomaten, es hatte ein gutes Image. Ähnlich viele Begriffe mit französischen Wurzeln gibt es auch im Berlinerischen. Dort waren die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten die Sprachimporteure und bis heute ist Berlin auch bei Österreichern sehr beliebt. Mit meinem Umzug nach Deutschland hat sich mein Frankreich Verhältnis stark verändert. Frankreich war jetzt nahe, ich konnte sogar mit Autostopp in einem Tage nach Strasbourg und wieder zurückfahren. Aus der Bewunderung aus der Ferne sind persönliche Kontakte geworden. Unzählige Ausflugsreisen, viele Urlaube und intensive Berufskontakte (unsere Konzernzentrale war lange Zeit in Paris) haben meine Kenntnisse über Frankreich verbessert, aber ich kann immer noch nicht behaupten, Frankreich wirklich zu verstehen. Noch immer überraschen mich Nachrichten, kann ich schlecht Prognosen machen, muss ich aus meinen Fehlern meiner Einschätzung dazulernen. |
Kleiner Einschub: Mein Verhältnis zu Frankreich hat mich oft nachdenken lassen, ob es uns überhaupt gelingen kann, eine Kultur, in der wir nicht täglich leben, nur aus den vorhandenen Quellen zu verstehen. Inzwischen bin ich davon überzeugt, es wird zumindest mir nicht gelingen. Vielleicht in ganz kleinen Teilbereichen, aber die Fülle und Komplexität eines großen Landes, das auch noch ständig von Außeneinflüssen in Bewegung gehalten wird, verhindern eine konsistente Schau. Diese Erkenntnis hat mich deshalb auch in große Bedrängnis für mein Verständnis für die Archäologie gebracht. Tübingen hat ja in dieser Disziplin große Tradition und auch großen Ruhm erworben. Es ist also normal, in seinem Bekanntenkreis auch Archäologen zu haben. Auf der einen Seite bewundere ich immer ihre Theorien, die sie aus wenigen Fragmenten des Alltags, die überlebt haben, ableiten. Aber immer mehr kommt die Erkenntnis durch, dass in dieser Branche etwas grundsätzlich faul sein muss. Ich glaube, sie könnte gut als Fiktion bezeichnet werden. Das würde übrigens ihren Wert für die Gesellschaft gar nicht verändern, es wäre nur eine andere, ehrlichere Schau. Denn es ist ganz klar, dass wir als Menschen ein Bedürfnis haben, unsere Vergangenheit und Herkunft zu verstehen und dieses Bedürfnis erfüllt die Archäologie bestens. Vielleicht würde sie als Fiktion sogar wesentlich mehr Mittel für ihre Arbeiten bekommen, wer weiß? Doch nun wieder zurück zum Betrachten anderer Länder, in unserem Beispiel Frankreich. Auch wenn wir Frankreich aus deutscher Sicht nie wirklich verstehen werden können, so können wir doch gut miteinander leben, wenn wir nur unsere Kommunikationskanäle verbessern. Wir verstehen ja auch nicht alles in unserem eigenen Land, können uns aber trotzdem durch die vielfältigen Quellen genügend informieren. Leider sind unsere Fernsehsysteme noch inkompatibel, aber das wird sich bald ändern, ein Beginn ist ja mit ARTE schon seit längerem gemacht. Einen Quantensprung hat das Internetradio gebracht. Plötzlich kann man weltweit überall "lokale Sender" empfangen, für Frankreich bevorzuge ich das Radio Nostalgie, mit seiner großen Auswahl an verschiedenen Musikrichtungen. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass die Jumelagen, die Städtepartnerschaften deutscher und französischer Orte, Frankreich und Deutschland einander viel näher gebracht haben. Sie haben vor allem die Sprachkenntnisse stark verbessert, der erste und wichtigste Schritt zum Verständnis der Kulturen. Diese Jumelagen verhindern auch, dass sich uralte Vorurteile, geprägt aus vielen Kriegen gegeneinander, weiter verfestigen. Übrigens das Schimpfwort für die Deutschen, "les boches", heißt nur "die Dickschädel", damit kann man doch als Deutscher gut leben. Auch die - aus Unkenntnis oft verdammten - "Billigflieger" haben uns näher gebracht. Wenn Städte preiswert erreichbar sind, dann werden sie auch trotz vielleicht anderer Barrieren, wie Sprache oder Sicherheit, viel eher besucht. Ich sehe an den vielen Reaktionen zu unserer Paris-Seite, wie das Interesse proportional zu der verbesserten Erreichbarkeit ansteigt. |
Frankreich - DeutschlandAndere Länder erklärt man am leichtesten durch die wesentlichen Unterschiede zum eigenen Land. So mache ich es hier auch und muss dabei stark übertreiben oder überzeichnen. Man verzeihe mir die Ungenauigkeiten und Grobheiten, die sich dadurch einstellen. Wenn meine Meinungen falsch oder veraltet sind, bitte ich um Korrekturen. StaatDas politische System Frankreichs ist dem amerikanischen wesentlich näher, als dem deutschen. Der Staatspräsident hat wesentlich mehr Machtbefugnisse als unser Bundespräsident. So denke ich in Frankreich immer noch eher an eine Monarchie, mit allen ihren Nachteilen, als an eine Republik. Der wesentliche Unterschied ist nur, dass man den "König" nach 5 Jahren abwählen kann. Frankreich wird zentralistisch regiert, Paris hat in allen wesentlichen Fragen das Sagen. Deutschland ist in weiten Teilen föderalistisch, ein Bundesstaat eben. Auch die Verteilung der Bevölkerung ist ganz anders. Der Großraum Paris beherbergt mit seinen 12 -14 Millionen Menschen ein Fünftel des gesamten Staates. Die nächsten zwei Ballungsräume haben jeweils maximal ein Zehntel davon, Marseille etwa 1,2 Mio, Lyon 1,4 Mio. Die zehntgrößte Stadt, Rennes, ist kaum noch als Großstadt zu bezeichnen. Berlin hat selbst als Agglomeration nur popelige 4,2 Mio, aber Deutschland hat dazu weitere 14 Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern. Fliegt man in der Nacht über Frankreich sind große dunkle Gebiete auszumachen, in Deutschland sind - zumindest im Westen und rund um Berlin - kaum dunkle Bereiche festzustellen. NationalbewusstseinEs hat unter den geschichtlichen Ereignissen wesentlich weniger gelitten, als das deutsche, das ich als unterdurchschnittlich entwickelt sehe. Aber besser zu bescheiden, als wieder übertrieben nationalistisch. Frankreich versteht sich immer noch als Grande Nation, wozu sicherlich die Überseegebiete auch beitragen, die wir - zum Glück, muss ich sagen - in Deutschland nicht mehr haben. Frankreich hat damit in Europa - meiner Meinung als einziges Land - das Potenzial gegen die USA anzutreten und dies in der Vergangenheit auch in manchen Bereich erfolgreich geschafft, z.B. im Flugzeugbau. Jedes französische Dorf hat seine Gedenkstätte für die Gefallenen, Veteranen bekommen bei Paraden einen Ehrenplatz. Man hisst selbstverständlich seine Fahne und feiert ausgelassen den Nationalfeiertag (14.Juli). Ähnliche Begeisterung kommt in Deutschland nur bei Sporterfolgen auf. Insgesamt würde ich das französische Nationalbewusstsein als normal und nicht als übertrieben bezeichnen. Was ist falsch daran, auf sein Land und seine Leistungen stolz zu sein, wenn sie tatsächlich großartig sind? Wir könnten in Deutschland eine gesunde Scheibe davon gut gebrauchen. Es würde vor allem den rechten Extremen das Wasser abgraben. Ihr Zulauf besteht ja nicht nur aus unverbesserlichen Idioten, sondern ihre Angebote befriedigen auch ganz normale Bedürfnisse. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass selbst in globalen Firmen die Franzosen sich immer auch als Franzosen sehen und Entscheidungen stets auch zum Wohle ihres eigenen Landes oder ihrer Region treffen. Das ist bei Deutschen weniger der Fall. Die deutschen Manager sind, wenn man will, zu rational und weniger emotional. Sie sind also die besseren und faireren "Schiedsrichter". Manche mögen dies als Vorteil empfinden, mich hat es oft gestört und man sollte auf internationalem Parkett sich darauf einstellen und nicht über den Tisch ziehen lassen. GesellschaftFast allen Franzosen ist große Familienorientierung, die Vorliebe für Genuss und ein gesundes Nationalbewusstsein gemeinsam. Ich erkläre das mit der Pflege ihrer bäuerlichen Wurzeln, die wir in Deutschland kaum noch kennen. Meine Einteilung ist vielleicht zu primitiv, aber sie hat mir oft bei meiner Orientierung geholfen. Erstens gibt es Pariser und Nicht-Pariser (aus der Provinz). Die Pariser wissen (wie alle anderen Hauptstädter auch) alles besser, sind schneller in ihrer Sprache, ihren Entscheidungen und Aktionen. Gelegentlich sind sie mir unsympathisch, bei ihren Aussagen streiche ich gleich 50 Prozent weg. Aber ich liebe das kulturelle Umfeld, in dem sie leben, diese Pracht und Größe, aber auch das hohe intellektuelle Niveau. Die aus der Provinz sind mir meist sympathischer und würde ich nach Frankreich ziehen, ich würde wahrscheinlich dorthin gehen, schon alleine wegen der niedrigeren Lebenshaltungskosten und höheren Sicherheit. Sie sind zuverlässig, fleißig, pragmatisch und lebensfroh. Dann gibt es Linke (Gauche) und Rechte (Droite), die beide jeweils radikaler als die entsprechenden Deutschen SPD und CDU sind. Diese beiden würde man in Frankreich eher als Centre bezeichnen. Insgesamt ist das politische Leben in Frankreich vielfältiger und flexibler als in Deutschland, wo alles festgefahren ist und jede neue Partei zuerst als Gefahr angesehen wird. Es scheint eine Eigenart aller Linken weltweit zu sein, dass sie stets zerstritten sind und so ihr politischer Einfluss in den Parlamenten nicht entsprechend zum Tragen kommt. Sowohl in Deutschland, wie auch Frankreich gibt es wenige Liberale (im strengen Sinne), die in anderen Ländern (z.B. den USA) staatstragend sind. Der Franzose ist ziemlich individualistisch in dem Sinne, dass er wenig Respekt vor dem anderen hat. Das ist vielleicht eine Reaktion gegen den starken Staat. Deutlich wird das z.B. am Autofahrstil in Städten, da zählt der Fußgänger nichts, Kinder müssen von den Eltern zur Schule gebracht werden, damit sie vom Nachbarn nicht totgefahren werden. Ein Franzose geht nicht vom Gas, wenn er an einer Gruppe Kinder vorbeifährt. Ein wichtiges Kennzeichen der französischen Gesellschaft ist der Laizismus (laïcité), die strikte Trennung von Kirche und Staat, die nicht nur - wie in der Türkei - in der Verfassung steht, sondern auch tatsächlich konsequent gelebt wird. In Deutschland sind wir davon weit entfernt, ein großer Nachteil für uns, wie ich finde. Für französische Frauen ist es wesentlich einfacher, Kinder mit dem Beruf in Einklang zu bringen. Ganztagsschulen und mehr einsichtsvolle Männer helfen dabei. In Deutschland haben wir da noch einen langen Weg vor uns. Ebenfalls eine Folge der bäuerlichen Wurzeln, vielleicht besser gesagt als eine Gegenreaktion, empfinde ich den Hang zur Moderne. Da es wesentlich mehr Freiheit beim Bauen gibt, kann mit Architektur mehr experimentiert werden, ein großer Vorteil für Frankreich, auch wenn manche Ergebnisse auf die Dauer zweifelhaft sind. Mein Beispiel dazu ist immer der (inzwischen generell als misslungen zu betrachtende) Flughafen Charles de Gaulle. Aber es vermittelt der Gesellschaft den Eindruck von Freiheit, wenn sie mit Bauten experimentieren darf (z.B. in La Grande Motte), wenn sie in schnellen Zügen (TGV) fahren und wenn sie die größten Passagierflugzeuge der Welt bauen kann (A380, eine internationale Entwicklung, aber zusammengebaut in Toulouse), wenn sie Satelliten ins Weltall schießen kann. Wenn es ums Experimentieren und neue Technologien geht, dann kennen die Deutschen vor allem Angst. Für Ausländer ist diese oft unverständlich, ja lächerlich und sie verstehen deshalb auch nicht, dass die Grünen in Deutschland so stark sind, deren heutige Erfolgsbasis die Ausnützung dieser Angst ist. In Frankreich hat man keine Scheu vor Eliten, da tut man sich in Deutschland immer noch schwer. Hierzulande wird die Gleichheit der Gesellschaft viel zu stark betont. Mit den Eliten aber hat man auch die Grundlage für Korruption und Vetternwirtschaft im großen Stil gelegt. Wer oft mit Franzosen zu tun hat, muss lernen, wie man diese Eliten, die sich meist sehr diskret verhalten, erkennt und wie man mit ihnen umgeht. Die SpracheDer französische Sprachraum ist wesentlich weiter aus der deutsche. Französisch wird von weit über 100 Millionen Sprechern in über 50 Ländern gesprochen wird. Die deutsche Sprache ist zwar die häufigste Muttersprache der EU, hat weltweit ähnlich viele Sprecher und zählt auch zu den neun Weltsprachen, aber nicht zu den 6 offiziellen UNO Sprachen und die geographische Ausbreitung ist nicht vergleichbar. Selbst wichtige EU-Dokumente sind nur in Französisch oder Englisch, jedoch nicht in Deutsch verfügbar. Die Franzosen fühlen sich (im Gegensatz zu den Deutschen) für ihre Sprache verantwortlich. Die Academie Francaise ist für die Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache zuständig, in Deutschland sind es im wesentlichen die Kultusminister (Bildung ist Ländersache) und die Duden-Redaktion, die dieses Amt de facto inne haben. Was nun wirklich besser ist, kann ich nicht abschätzen, Kritik gibt es an beiden Systemen. Aber definitiv für einen Vorteil halte ich die Verantwortung im Staat und nicht in den Ländern, ein Pluspunkt für Frankreich. Die Diskussionskultur in beiden Ländern ist immer noch sehr unterschiedlich, sie nähert sich allerdings immer mehr an. In Deutschland kann man meist ausreden, in Frankreich wird man leichter unterbrochen. Man muss also die wichtigen Nachrichten ganz an den Beginn stellen. FremdsprachenHier sind die Deutschen den Franzosen haushoch überlegen. Nur widerwillig sprechen Franzosen andere Sprachen. Ich persönlich glaube, es hat weniger mit Arroganz zu tun, als mit den Schwierigkeiten, den geliebten Klang der eigenen Sprache zu verlassen. Die Deutschen hingegen versuchen es zumindest, sich jeder Kultur anzupassen, auch wenn es ihnen nicht immer gelingt. Vielleicht aber kommt der totale Mangel an Fremdsprachenkenntnis auch aus dem staatlichen, politischen, Pariser Nationalismus, der bis vor kurzem Fremdsprachen in den Lehrplänen, in der Lehrerausbildung und in der Schulpraxis ganz weit hinten, ganz klein, angesiedelt hatte. Ich kenne viele Franzosen, die das bedauern. Beide haben den Nachteil großer Länder, die nicht wirklich gezwungen sind, Sprachen zu lernen. Am ausgeprägtesten sieht man diese Haltung ja in den USA. Die kleinen Länder hingegen, Schweizer, Holländer, Österreicher sind wirklich anpassungsfähig und sie halten zu Recht viele wichtige internationale Spitzenpositionen. MilitärEs sind Welten zwischen den beiden Ländern, zum Glück für Deutschland muss ich sagen. Mir war die deutsche Haltung, über Tourismus, Warenexporte und technische Hilfe für sich zu werben, immer sympathischer, als die der etablierten Großmächte, mit militärischer Präsenz Stärke zu zeigen. Leider lässt sich Deutschland, wie der andere Weltkriegsverlierer Japan übrigens auch, wieder stärker in militärische Aktionen drängen. Ich habe damit Probleme. Die Franzosen aber lieben ihr Militär, unterhalten immer noch eine Fremdenlegion, sind stolz auf ihre Kampflugzeuge und sie leisten sich sogar einen atomgetriebenen Flugzeugträger (Charles de Gaulle), der jedoch eher ein Pannenfahrzeug und Milliardengrab, als ein Aushängeschild, geworden ist. UmweltbewusstseinAus deutscher Sicht ist da der durchschnittliche Franzose 20 Jahre zurück. Er stellt seinen Diesel mit laufendem Motor vor die Bäckerei, Auspuff gleich an der Tür. Das tut er nicht etwa, weil es ihm egal ist, sondern weil er sich über sowas überhaupt keine Gedanken macht. Man sieht wenig Solartechnik auf den Dächern und Windräder entstehen jetzt erst. Saubere Energietechnik, das sind für Frankreich Kernkraftwerke, die 80 Prozent des Energiebedarfs abdecken und dieser Anteil soll noch steigen. Wer am Ende recht hat, wird man relativ bald sehen, auch Deutschland ist weit entfernt, ein Saubermann zu sein. Wir reden zwar viel davon, aber übersehen unsere Sünden gerne. Keine Geschwindigkeitsbeschränkung auf der Autobahn, neue Kohlekraftwerke, schlecht isolierte Altbauten, das alles kompensiert nicht die Mülltrennung und die (oft schon lächerlichen, weil unnötigen) Pfandregelungen, für die wir im Ausland bekannt geworden sind. MedienDer wesentliche Unterschied liegt im Fernsehen, das ich in Frankreich als langweilig empfinde. In Deutschland mag ich übrigens das Fernsehen auch nicht, es ist zwar nicht langweilig, aber schlecht. Dafür gehen die Franzosen immer noch ins Kino und sie stellen sich dazu sogar gerne an. Beide Länder haben noch eine Buchpreisbindung, es würde mich jedoch nicht wundern, wenn dafür bald das Sterbeglöckchen läutet. Wir wissen inzwischen, dass deren Nachteile in der Welt des Internets überwiegen, auch für die Buchhändler selbst, also werden sie sie nicht mehr so vehement verteidigen. Frankreich hat sieben nationale Tageszeitungen: Le Figaro, Le Monde, Le Parisien, Liberation, La Croix, L'Humanité und France Soir. Es existiert keine starke Boulevard Presse. Die Franzosen lieben Gratiszeitungen und Informationen aus dem Internet. Französische Lokalzeitungen bringen Todesnachrichten auf Seite 2, ein großer Vorteil für die Leserschaft. Franzosen geben mehr Geld für gute Schreibwaren und Schreibgeräte aus. Frankreich hat sehr früh Telefonbücher abgeschafft und einen Online-Dienst (minitel) dafür angeboten und so die Welt prinzipiell fürs Internet vorbereitet. Jedoch hat sich minitel am Anfang als großes Hindernis erwiesen. So hat Deutschland zu Beginn Frankreich im Internetbereich überholt, inzwischen ist etwa wieder Gleichstand eingetreten. Der Staat übt in Frankreich noch mehr Kontrolle im Netz aus, die Lobbyisten der Musikindustrie sind dort noch erfolgreicher. CDs sind in Frankreich teurer als bei uns. Was die Medien anbelangt, bin ich also lieber in Deutschland. EssenMeine französischen Arbeitskollegen haben zum Essen ausgestempelt und es dann auch entsprechend lange genossen. Frankreich versucht seine Küche als Weltkulturerbe einstufen zu lassen, ein Vorhaben, das ich in Frankreich nicht unterstützen würde, bei aller Liebe zum Land. Im Elsass fahren die Franzosen zum Essen und zum Lebensmitteleinkauf nach Deutschland. Was ist nun wirklich besser? Ich denke, beide Küchen sind auf ihre Art gut und beliebt. Ich würde auf jeden Fall in Europa der italienischen den Vorzug geben, weltweit aber der japanischen, wenn man sie sich leisten kann. AutosDie Franzosen bauen die menschlicheren, komfortableren und praktischeren Autos. Die Deutschen bauen Autos für die Raserei auf der Autobahn und zum Angeben. Meine Entscheidung ist schon lange zugunsten der Franzosen gefallen und sie werden mit ihrem Ansatz auch besser für die Zukunft gerüstet sein. |
Die ZukunftWelches der beiden Länder wird in Zukunft besser überleben? Noch vor 10 Jahren hätte ich spontan Frankreich gesagt. Es war das modernere Land, mit besserer sozialer Struktur. Aber der Stillstand bei uns unter Kohl, Schröder und jetzt auch in der großen Koalition Merkel, wurde in Frankreich durch den Stillstand unter Mitterand und Chirac mehr als kompensiert. Beide Länder haben dringenden Reformbedarf und dabei die gleichen Schwierigkeiten: Der Erfolg der Vergangenheit erweist sich als großer Klotz am Bein. Alle sind nur auf Besitzstandswahrung aus, das verhindert hier wie dort dringend notwendige Reformen. Die Frage der Zukunft wird sein, welches Land sich besser, vor allem auch schneller an globale Herausforderungen anpassen wird. Beide Länder sind auf sehr hohem Niveau, aber kaum änderungsfähig. Beide Länder haben Probleme mit Migranten, haben wenig eigene Energieressourcen. Wer wird mehr Mut zeigen, die besseren Köpfe haben, fleißiger sein, flexibler reagieren? Die deutsche, große Koalition hat ihre Unfähigkeit dazu schon bewiesen, Sarkozy hat noch Chancen für das Gegenteil. Die Notwendigkeit ist dringend, denn nicht nur die großen Länder China, Indien oder Russland sind Konkurrenten, auch die "Wirtschaftszwerge" in Europa sind ernst zu nehmen. Sie sind schnell, motiviert, haben wenige alte Zöpfe zum Abschneiden und es sind in ihrer Summe auch viele. Und es bleibt immer noch die Supermacht USA, die unter einem neuen Präsidenten auch wieder neuen Schwung bekommen könnte. Wie auch immer, beide Länder, Deutschland wie Frankreich, sind gute Plätze zum Leben und zum Urlaub machen. Ich wünsche mir, dass sie auch weiterhin - vielleicht sogar besser als in jüngster Vergangenheit - zusammenarbeiten. Der spektakuläre Erfolg Europas wäre ohne ihre Zusammenarbeit nicht gelungen! Wer sich mit dem Thema Frankreich - Deutschland weiter auseinandersetzen will, hier einige persönliche Tipps: Karambolage 1+2 (2 DVDs) von Claire Doutriaux. Die lustigen Sendungen von arte erklären vieles, was uns im Alltag unterscheidet Karambolage Kleines Buch der deutsch-französischen Eigenarten von Claire Doutriaux, die gleichen Themen als Buch. Vom Glück, Franzose zu sein Unglaubliche Geschichten aus einem unbekannten Land von Ulrich Wickert Paris Reiseberichte von Otto und Philipp Buchegger Vielen Dank an meine "Frankreich-Experten" für
ihre nützlichen Kommentare. Danke auch an Frankreich selbst, dass sie diese unglückliche
EU Verfassung gekippt und den Erweiterungswahnsinn, der von Günter Verheugen
gestartet wurde, damit endlich gestoppt hat. Die deutsche Politik hatte sich vergaloppiert
und wäre zu Korrekturen nicht mehr in der Lage gewesen.
Da war die Hilfe von außen nicht nur nützlich, sondern absolut notwendig. |
www.buchegger.de/frankreich.html