DATENSPUREN

Vor der Erfindung der CD habe ich mir Musikcassetten zusammengestellt. Das war ein aufwändiges, aber sehr befriedigendes Hobby, das dann später aus vielerlei Gründen ausgestorben ist.

Auf einer Kassette war ein Lied, das sich nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Kindern als Hit herausgestellt hat, obwohl es dies nie war. Der Refrain war "Eine kleine Selbstgedrehte und ein Kännchen Tee" und stammt (wie ich heute weiß) von dem Musiker Thomas Voigt, der aber leider nicht mehr lebt.

Eine kleine Selbstgedrehte (Text und Musik Thomas Voigt)

Er hat längst seinen Schreibtisch verschenkt
all seine Möbel ist er los
den Job als Kaufmann hat er völlig verdrängt
und seinen Urlaub in Davos

Er will nie wieder leben - in der Herde
er schläft auf drei Matratzen auf der Erde
er will jetzt nur er selber sein

Eine kleine Selbstgedrehte und ein Kännchen Tee
ihm tut jetzt niemand mehr weh  .........


Das Lied ist u.a. auf der LP MICH KENNT KEINER aus dem Jahr 1980, PHILIPS / PHONOGRAM  6435 070

Die Cassette wurde ein Opfer des Gebrauchs und des Fortschritts. Heute könnte ich sie gar nicht mehr abspielen, weil ich keinen funktionierenden Cassettenrekorder mehr besitze, aber sie hat ohnehin schon lange ihren Geist aufgegeben, weil sie zu oft gehört wurde.

Thomas Voigt LP "Mich kennt keiner"

Die Melodie und der Text aber waren in unseren Hirnen gespeichert und so habe ich gelegentlich später im Internet nach Thomas Voigt gesucht. Ich habe zwar dadurch einen netten Musiker gleichen Namens kennen gelernt, auch einige zerkratzte Platten bei ebay gekauft, aber von meinem ursprünglichen Ziel mehr Musik in guter Qualität von Thomas Voigt zu hören, bin ich immer noch weit entfernt.

Was ist in meinen Augen hier falsch gelaufen?  Warum gibt es keine gute Datenspur zur Musik von Thomas Voigt?

Das erste Problem scheint mir der Name selbst zu sein. Er ist sehr häufig, 2009/8 bringt er eine halbe Million Hits, selbst unter engerer Suche ("Thomas Voigt") sind es fast 35.000. Auch wer ganz detailliert sucht ("Thomas Voigt" Musiker) , findet  immer noch fast 12.000. Wer kann das schon durchsuchen?

Das zweite Problem scheint mir der Medienwechsel von LP auf CD zu sein. "Die kleine Selbstgedrehte" erschien nach meinen Recherchen nie auf CD. Also ist sie auch nie in CD Katalogen aufgetaucht oder bei Amazon erhältlich gewesen. Was die Gründe für das Ignorieren des Mediums CD sind, werde ich sicherlich nie herausfinden. An der Qualität der Musik lag es sicher nicht, sie kann man auch heute noch gut anhören.

Offensichtlich hat auch nie jemand versucht, umfassende Informationen zu Thomas Voigt im Internet (z.B. auf Wikipedia, wo sonst fast alle Musiker zu finden sind) zu hinterlegen. Ein weiteres Manko ist, dass man zwar LP Titel registriert (in diesem Fall "Mich kennt keiner") aber es generell nur wenige Quellen gibt, wo man auch die einzelnen Tracks angibt.

Wie gesagt, ich kenne alle Gründe im Detail zu wenig, um darüber zu urteilen, aber sie sollten doch eine Lehre für andere Musiker sein. Ich habe unzählige Musikerpages gesehen, sie waren großteils schlecht. Der Hauptfehler war, dass man - als "Künstler" - auch kunstvolle Homepage anbieten wollte und konnte man dies nicht finanzieren, dann hat man es ganz gelassen, im Internet vertreten zu sein.

Was sich MusikerInnen fragen sollten, ist wie gut tragen Homepages zur Unsterblichkeit (genannt Ruhm) bei. Sind die Informationen umfassend, sind sie leicht findbar, sind sie dauerhaft gespeichert? Gerade beim letzten Punkt wird oft gesündigt. Weil das Geld fehlt, werden dubiose Provider gewählt und Adressen oft geändert.

Dabei ist die Antwort einfach. Man braucht eine einfache Page mit allen wichtigen Daten (Biographie, Fotos, detaillierte Discographie, Tour Kalender, Kontakte und Bestellmöglichkeiten) und Links zu Portalen, wo man seine umfangreichen Medieninhalte hinterlegt (YouTube, Myspace etc...)

Kürzlich erhielt ich per E-Mail einen Hinweis zu einer Finissage "für einen berühmten und bekannten lokalen Künstler". Ehrlich gesagt habe ich von diesem Mann noch nie was gehört, aber das will nicht viel sagen, weil ich mich in der lokalen Kunstszene nicht wirklich gut auskenne, obwohl ich darüber gelegentlich berichte und häufig zu Vernissagen gehe.

Also schaue ich im Internet nach und entdecke auch tatsächlich einige Fotos von seinen Werken. Er hat auch eine Homepage, aber so sehr ich auch suche, ich finde kein Foto von ihm selbst. Kenne ich ihn nun, habe ich ihn schon auf einer Vernissage getroffen? Kann ich leider nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, wie er aussieht. Und sie können nun auch leicht erraten, ob ich zu dieser Finissage gegangen bin.

Richtig! Ich habe das getan, was im Zweifel alle Menschen tun, wenn sie nicht genügend Informationen zur Entscheidung haben: Sie tun nichts! Und so gibt es keine Fotos von dieser Finissage und eine Chance für weiteren Ruhm ist vertan.

Wer bekannt werden will, muss auch persönlich bekannt sein. Es genügt nicht, durch seine Werke bekannt zu sein. Heute heißt dies, es muss eine Fotospur im Netz sein. Konkret muss man bei der Google - Bildsuche ein ansprechendes Foto finden, wenn man den Namen eingibt. Und da man sich nicht auf den Zufall verlassen kann, muss man selbst dafür sorgen!

An ein Buch aus den 70er Jahren,  das ich schon erwähnt habe, weil es mich stark beeinflusst hat, werde ich bei jedem Wäschaufhängen erinnert. Ein Autor (inzwischen weiß ich wieder, dass er Franz Goossens heißt und er hat viele erfolgreiche Ratgeber geschrieben) schreibt dort, dass man sich das (teure) Bügeln sparen kann, wenn man die Hemden nass aufhängt und glattstreicht.

Also suchte ich immer wieder bei ebay und auch sonst im Internet danach, aber vergebens. Was bei mir hängen geblieben war, das war ein Titel ähnlich zu "Was Frauen von Führungskräften wissen müssen". Alle Suchanfragen waren erfolglos. Egal, welche Kombination von Suchwörtern ich verwendet habe, es waren entweder zuviele Treffer oder gar keine.

Inzwischen weiß ich, was falsch gelaufen war. Der korrekte Titel ist "Was die Frauen der Führungskräfte wissen müssen". Darunter findet man es auch. Hätte ich schon früher im ZVAB, dem Zentralverzeichnis Antiquarischer Bücher, nachgeschaut wäre ich auch schon früher fündig geworden. Dort kommt man schnell zum Ziel, wenn man unter den Schlagwörtern "Frauen", "Führungskräfte" und "Wissen" sucht. Der Suchraum ist dort auf Buchtitel beschränkt und dies ist - im Gegensatz zu Google - sehr hilfreich.

Bücher hinterlassen unter anderem deshalb gute Datenspuren, weil es Antiquariate, das heißt einen Markt für gebrauchte Ausgaben gibt. Also werden auch Produkte vor der generellen Verbreitung des Internets (grob gesagt 1995) im Netz erwähnt. Was gewünscht wird, bestimmt nicht nur die Industrie (wie im deshalb degenerierenden Musikbusiness), sondern auch der Verbraucher mit seinem Kaufverhalten in den Antiquariaten.


Es lohnt sich darüber nachzudenken, wie man die Datenspuren im Netz für seine Zwecke nutzen kann. Berufstätige und aktive Ruheständler findet man leicht durch die im Netz automatisch entstehenden Spuren. Aber Frauen, die ihren Namen aufgegeben haben oder passive Ruheständler bleiben verschollen, wenn man beim Legen der Datenspur nicht nachhilft.

Eine schöne Möglichkeit, Verstorbene in Erinnerung zu behalten, ist mein Ewiger Garten, den man für seine Zwecke auf der eigenen Homepage übernehmen kann. Er hat sich sehr bewährt, um vor allem die Todestage, die leicht vergessen werden, im Gedächtnis zu behalten.

Moosknukkl Groovband

Eine ambivalente Story aus dem Musikbereich sollte ich auch hier noch einfügen. In den 70er Jahren kaufte ich mir eine Schallplatte von der "Moosknukkl Groovband". Ich wette, Sie haben den Namen dieser Krautrock Band (bei Spiegelei Records) noch nie gehört, auch mir war er unvertraut und ich habe nur deshalb zugegriffen, weil die Platte im Ramsch 5 DM gekostet hat und eine so schöne Hülle hatte.

Kurz gesagt wurde sie eine von meinen Lieblingsplatten, wurde zu Tode gespielt und danach habe ich 20 Jahre versucht, brauchbaren Ersatz zu finden. Ich habe sie auf meine Inselliste aufgenommen und tatsächlich hat sich einer der inzwischen alten Musiker aus den USA gemeldet und sein Sohn hat mir dann diese Musik in CD Qualität zukommen lassen.

In der Folge haben dann auch andere Fans Zugang zu dieser CD gefunden. 2007 habe ich aber aus Protest gegen die permanente Kriminalisierung der Musikliebhaber fast alle Inhaltsverzeichnisse der Inselliste gelöscht und inzwischen ist die Moosknukkl Groovband wieder in die Unbekanntheit versunken.


Management der Datenspur

Nach langen Erfahrungen kann ich als Internetter der ersten Stunde vielleicht auch eine Zusammenfassung geben, was wirklich gefährlich ist. Ich stimme damit allerdings nicht in die allgemeine Hysterie ein, die gerade in Deutschland in Bezug auf Datenschutz so chic zu sein scheint. Aber trotzdem sollte man seine Datenspur überwachen und auch managen.

1. Telefonnummer

Ich würde nie wieder meine Telefonnummer veröffentlichen. Es ist unglaublich, welches Risiko man damit eingeht, unter anderem auch, weil die deutsche Justiz hier - offenbar mit voller Absicht - wegschaut.

2. E-Mail Adresse

Wer keinen wirksamen Spamfilter hat, riskiert, dass im Nu seine Adresse unbrauchbar wird. Ich habe deshalb oft meine E-Mail Adressen geändert, bis ich schließlich die Lösung für das Problem gefunden habe: eine Google-Mail Adresse.

3. Teilnahme an Foren, Wikipedia

Da übe ich inzwischen große Zurückhaltung. Es ist zwar nicht wirklich gefährlich, aber einfach zuviel Zeitaufwand und frustrierend, sich mit den vielen Meinungen sturer Menschen auseinander zu setzen. Wer sein Wissen mit anderen teilen will, verwendet besser KNOL. Dort werden die Wikipedia Fehler vermieden.

4. Religiöse und politische Themen

Finger weg davon, es sind zu viele Idioten und Fanatiker im Netz unterwegs. Ich habe deshalb alle Inhalte dazu gelöscht. Meinungsfreiheit ist für manche schwierig zu ertragen.

5. Paranoia wird bestraft!

Wer aus lauter Angst permanent im Internet nach seinem Namen sucht, schafft sich ein Problem, das er oder sie sonst gar nicht hätte. Denn dann werden auch die Daten in den Zwischenspeichern in die Liste der Hits aufgenommen. Berufsgruppen, wie Lehrer und andere, die im Lichte der Öffentlichkeit stehen und ihre Kritik fürchten, sind besser beraten, sich nicht ständig zu vergewissern, dass nichts über sie gespeichert ist!

6. Andere Minenfelder

Damit bezeichen ich jene Bereiche, die regelmäßig von Juristen zum Abkassieren verwendet werden. Die Themen wechseln und ich gehe diesen Problemen besser aus dem Weg. Medien und Verbraucherschützer informieren dazu ganz gut.

Das Gleiche gilt für andere Abzockerseiten, die man leicht daran erkennt, dass man entweder die Telefonnummer oder die Bankdaten angeben muss, obwohl der Service als gratis erscheint.

Keine Probleme

Als harmlos empfand ich bisher die Benützung von Internet-Banking. Natürlich muss man die Auszüge kontrollieren, aber dies gilt auch ohne Internet.

Als ausgesprochen nützlich habe ich die diversen Newsletter Services empfunden. Wenn sie mich gestört haben, habe ich mich wieder abgemeldet und das hat auch bisher stets gut funktioniert.

Ich hatte nie Probleme mit meinen Produkt- oder Verkäuferbeurteilungen, z.B. bei Amazon oder ebay.

Google mit seinen vielen Produkten wird gerne als hoch gefährliche Datenkrake dargestellt. Dem kann ich bisher nicht zustimmen. Mir erscheint der tatsächliche Nutzen wesentlich höher zu sein, als die potenzielle Gefahr. Wer trotzdem ausweichen will, dem empfehle ich cuil.
.

Impressum SENIORENFREUNDLICH DENKSTELLE PRAXILOGIE GLOBISMUS BUCHEGGER.COM

www.buchegger.de/datenspuren.html

© 2009 Otto Buchegger Tübingen