Die BINÄR-GENERATION

Jede Arbeit prägt die Menschen, die sie ausüben, genau so wie die Arbeitsgeräte. "Wenn das einzige Werkzeug der Hammer ist, sehen alle Probleme wie Nägel aus", so beschreibt ein Sprichwort treffend diese Situation.

Ich konnte nun an einigen Jugendlichen in meiner Umgebung über einen langen Zeitraum beobachten, wie sich der Umgang mit dem Computer auf deren Verhalten auswirkt. Meine Beobachtungen werden nicht generell gelten, aber sie zeigen doch auf, welche Chancen und Schwierigkeiten auf diese jungen Menschen und auch auf die Gesellschaft zukommen könnten.

Und dazu soll dieser Beitrag auf der Denkstelle auch dienen. Er soll zum Nachdenken anregen, besonders die direkt Betroffenen der Binär-Generation, also jene - überwiegend männlichen - Jugendlichen, die mit dem Computer als ständigem Begleiter groß geworden sind.

Kennt man seine eigenen Schwächen, dann kann man sie auch kompensieren, eventuell sogar in Stärken umbauen. Dazu wünsche ich gutes Gelingen!


Es gibt nur noch Chefs  

Computer sind tatsächlich perfekte Sklaven, für die, die sie gut bedienen können. (Für andere gilt es eher umgekehrt). Und sie haben die Menschheit auch in vielen Bereichen von Sklavenarbeit befreit.

Diese Gefühl, dass die Maschine genau dies tut, was man will, fördert ungemein das Selbstbewusstsein. "Mann, bin ich gut", oder "ich bin unbesiegbar" habe ich dann oft gehört. Jeder fühlt sich dann als Herr, oder sagen wir neutraler als Chef, seines innig geliebten Gerätes.

Ich kann in diesem Zuwachs an Selbstbewusstsein, solange es nicht krankhaft wird, keine große Gefahr sehen. Im Gegenteil, das Fördern von Selbstbewusstsein ist in meinen Augen ein erklärtes Erziehungsziel, denn nur dadurch können viele Probleme wirklich erfolgreich gelöst werden.

Aber für die Jugendlichen ergibt sich damit ein Diskrepanz, die sie oft nur ganz schlecht aushalten. Denn auf Grund ihrer Jugend sind sie wahrscheinlich doch meist "Nicht-Chefs" und müssen ertragen, dass sie Befehle empfangen, die sie ausführen müssen.


Entscheidungen sind überwiegend binär

An oder aus, 0 oder 1, das ist die Computerwelt. Und so wird dann auch das Leben gesehen. Gut oder Schlecht, Positiv oder Negativ, Schwarz oder Weiß, diese Jugendlichen kennen kaum Grautöne. Nun ist die Jugend ohnehin radikaler in ihren Urteilen, aber sie tut sich selbst keinen Gefallen, alles nur in den Extremen zu sehen.

Die Welt ist eben viel komplexer, viele Urteile hängen von den Umständen ab. Es gibt eben nicht nur "ja oder nein", manches mal ist auch ein "jein" angebracht. Es wird in vielen Fällen Lehrgeld sparen, wenn man differenzierter urteilt.


Die UNDO Falle

Viele Computerbenutzer haben sich so daran gewöhnt, dass sie ganz leicht falsche Entscheidungen mit der UNDO Funktion einfach rückgängig machen können. Und sie sind dann überrascht, dass es im realen Leben für die meisten Aktionen eben kein UNDO gibt und jeder mit den Konsequenzen seiner Entscheidung leben muss.

Ich beobachte diesen Irrtum nicht nur bei Jugendlichen, auch Erwachsene scheinen leicht in diese Fall zu tappen. Es fehlt vielleicht an Phantasie sich die Konsequenzen auszumalen, aber selbst, wenn man explizit darauf hingewiesen wird, werden sie ignoriert. Anders kann ich mir nicht vorstellen, dass die wirklich abschreckenden Warnungen auf den Zigarettenpackungen einfach übersehen werden.


Was nicht gleich geht, geht gar nicht

Die unglaublich hohen Geschwindigkeiten heutiger Rechner haben jede Geduld überflüssig werden lassen. Auf etwas warten zu müssen, ist unerträglich geworden. Entweder es geht gleich oder man gibt schnell auf.

Geduld, viele verschieden Versuche, Nachdenken über andere Wege sind im Repertoire des Handelns vieler Jugendlicher nicht mehr zu finden. Sie berauben sich damit vieler Chancen, vor allem in der Geschäftswelt, denn selten gelingt alles beim ersten Mal. Durchhaltevermögen, Hartnäckigkeit, Ausdauer, Disziplin sind wichtige Erfolgsfaktoren und sie alle erfordern Geduld.


Wozu Bücher?

Ich wollte es ja nicht glauben, aber ich musste mich immer wieder überzeugen lassen. Diese Generation wächst praktisch ohne Bücher auf. Gelernt wird durch Versuch und Irrtum (Trial and error) oder durch Nachmachen. Zum Nachschauen genügt offenbar das Internet, meistens das wirklich unzulängliche Material auf Wikipedia. Ansonsten genießt man die Abwesenheit von fundiertem Wissen.

Wer von der Binär-Generation dann studiert, erlebt den Schock seines Lebens. Denn plötzlich geht es nicht mehr ohne Bücher und auch nicht mehr ohne Lesen. Wer lesen kann, ist dann klar im Vorteil. Leider sind es erschreckend wenige, wie wir inzwischen auch von den Pisa-Studien wissen.


Das einzige Handwerk, das zählt, ist Tippen

Wer sich stundenlang in Chats aufhält, kann früher oder später perfekt tippen. Vielleicht kommt dazu noch das Erlernen eines Musikinstruments, auch das trägt zu geschickten Händen bei. Aber ansonsten habe ich viele handwerklich wirklich ungeschickte Jugendliche kennengelernt.

Sie alle konnten zwar wie die Weltmeister tippen und vielleicht auch noch Computer zusammenschrauben, aber ansonsten sah es mit ihrer Geschicklichkeit eher düster aus. Die wenigsten konnten kochen, etwas was gerade in ihrem Alter sehr brauchbar gewesen wäre. Wenn ich daran denke, wie geschickt wir Alten früher im Basteln waren, weil wir aus Geldmangel vieles nicht kaufen konnten, dann bedauere ich die Binär - Generation um diese fehlenden Erfolgserlebnisse!


Tageslicht stört

Tageslicht stört beim Arbeiten am Bildschirm tatsächlich oft. Und so werden viele Computeraktivitäten in die Nacht gelegt. Im laufe der Zeit wird dann alle Arbeit in die Nacht gelegt.

Ist die Binär-Generation gezwungen schon früh am Morgen Leistung zu erbringen, dann versagt sie gerne. Wer am allgemeinen sozialen Leben teilnehmen will, sollte die permanente  Nachtarbeit frühzeitig aufgeben. Wir Menschen brauchen für unser Gedeihen das helle Tageslicht, viele Körperzyklen laufen nur mit ihm störungsfrei ab.


Nur saubere Arbeit

Die Arbeit mit dem Rechner macht nicht schmutzig, das Putzen ist also überflüssig. Ebenso das Aufräumen. Bei allen anderen Arbeiten aber ist die Vor- und Nacharbeit oft langwieriger als der zentrale Arbeitsanteil. Der Arbeitsaufwand wird also von der Binär - Generation stets falsch eingeschätzt.

Ich kann allen Jugendlichen nur empfehlen, auch außerhalb ihres vertrauten Umfeldes Arbeiten anzupacken und so zu lernen, realistischer mit Arbeitsschätzungen umzugehen.


Cut and Paste

Wozu noch selbst Texte verfassen, wenn es schon alles im Netz gibt? Da genügend doch wenige Clicks und schon hat man alles in fast perfekter Qualität? Vor allem wenn man Lehrer hat, die immer noch nicht verstehen, welche Veränderungen das Internet gebracht hat.


Eins ist gleich unendlich

Die Menge spielt bei Arbeiten mit dem Rechner eine geringe Rolle. Hat man ein Problem nur einmal gelöst, dass genügt ein simples "repeat", um weitere Wiederholungen fast beliebig schnell ablaufen zu lassen.

So versteht die Binärgeneration kaum Produktionsschritte, Prozessmanagement oder alles was mit Massenfertigung zu tun hat.


Alt ist blöd

Da Ältere nicht so virtuos wie sie mit dem Rechner umgehen können, werden sie von der Binärgeneration automatisch als dumm eingeschätzt. Welcher Irrtum! Die Unwissenden sind eher bei denen zu suchen, die zwar schnellstens alles Mögliche via Computer aus dem Netz holen können, aber keine Einschätzung mehr haben, was realistisch ist und was fiktiv.

Es oft wirklich erschreckend wie wenig Lebenserfahrung und Kenntnisse selbst schon Menschen Mitte 20 haben. Die Binär Generation hat in ihrem Leben noch viel nachzuholen, was früher durch große Not, engere Familienkontakte und intensives Lesen schneller und gründlicher gelernt wurde.


Alles muss gratis sein

Wer in einer Welt aufgewachsen ist, in der fast alle Hilfsmittel "public"oder "free" waren, irgendwo "gezogen" oder "gecracked" wurden, kommt kaum auf die Idee, dass hochqualitative Produkte Geld kosten müssen.

Natürlich kann man sich auch mit Bastelsoftware durchs Leben schlagen, aber effektiv ist es meist nicht. Der Binär-Generation fehlt oft das Verständnis, dass es sich lohnt, in gute Tools zu investieren. Erst wenn sie dann selbst Unternehmer werden, müssen sie lernen, wie kostbar Zeit ist und wie aufwändig es ist, nur mit Versuch und Irrtum zu lernen.

Eine extreme Gruppe sind dabei die Wikipedianer, Menschen, die auf freiwilliger Basis zur Wikipedia beitragen. Sie scheinen vor allem in Deutschland einen Horror vor kommerziellen Seiten zu haben und entfernen konsequent alle Links zu Seiten, denen sie unterstellen, dass man damit Geld verdienen kann. Dass damit auch kostbares Wissen nicht genützt wird, scheint ihnen egal zu sein, Hauptsache sie bleiben politisch korrekt.


Die Binär-Generation wird trotz aller Bedenken, die hier geäußert wurden, ihren Weg machen. Ich bin immer wieder angenehm überrascht, wie die Herausforderungen der Arbeit oder der Gründung einer Familie die Menschen wachsen lassen. Irgendwann haben sie dann die richtige Balance z.B. zwischen Technik und Menschlichkeit, zwischen Fiktion und Realität, oder zwischen Spiel und Arbeit gefunden.

Die Computer haben die Welt nachhaltig verändert und vieles wirklich besser gemacht. Die früher einmal geäußerten Bedenken von Orwell in seinem Buch 1984 haben nicht die Wirkung erreicht, die von den Angstmachern immer prophezeit wurde.

Die Binär-Generation hat mit ihren Werkzeugen viel gelernt, um komplexe Probleme besser zu lösen. Sie wird dieses Wissen auch brauchen, denn an komplexen Problemen wird es in ihrer Zukunft keinen Mangel geben.

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www.buchegger.de/binaer-generation.html

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© 2006 Otto Buchegger Tübingen