Die Angst in Deutschland

War vor nicht allzu langer Zeit die "Angst vor Deutschland" noch das große Thema, dann ist es nach bald zwei Regierungsperioden von Grün-Rot jetzt die "Angst in Deutschland". Die Deutschen haben Angst, vor allem Angst vor der Zukunft. Man braucht nur einmal aufmerksam die uns angebotenen Informationen in den Nachrichten analysieren. Es ist erschreckend, wie oft die Wörter "Angst" und "Gefahr" darin vorkommen.

Die Arbeitsplätze erscheinen unsicher, die Angst vor der Arbeitslosigkeit ist riesig, die deutsche Technik, die uns Exportweltmeister hat werden lassen, ist im eigenen Land nicht mehr salonfähig und erscheint gefährlich. Vor lauter Angst wissen viele nicht mehr, was sie essen sollen, weil alles "vergiftet" erscheint. Die Vorreiter des europäischen Gedankens entwickeln Angst vor Europa. Viele bekommen Angst vor dem Alter, weil es Unsicherheit mit den Renten gibt. Angst lässt die Menschen sich kaputt sparen, der Inlandskonsum bricht zusammen und verschlimmert die wirtschaftliche Situation weiter.

Warum haben die Deutschen so viel Angst bekommen? Was sind die Gründe dafür und wie kommen sie wieder aus diesem ungesunden Tief heraus? Ich reise viel (siehe zum Beweis www.euxus.de) und glaube daher schon einen Blick für unsere eigene Situation zu haben, daher will ich auch hier meine Analyse versuchen.

Ich sehe folgende Grundkomponenten für die spezifische Angst in Deutschland:

 

Rückblick im März 2007

Dieser Artikel wurde im Jahre 2005, vor der Bundestagswahl am 18. Oktober, geschrieben, ins Netz gelegt und seitdem nicht mehr verändert. Auch wenn er deshalb nicht mehr aktuell ist, so sind seine zeitlosen Aussagen interessant geblieben.

Mit der Abwahl von "Grün" hat sich die politische Situation stark verbessert. Die Wirtschaft erholt sich erfreulich, einige Reformen wurden beschlossen. Für mich am interessantesten war dabei die Föderalismusreform. Nicht, dass ihr Inhalt wirklich superb wäre (wie kann man nur auf ein bundeseinheitliches Schulwesen verzichten), aber schon allein die Tatsache, dass in diesem Land eine friedliche Verfassungsänderung möglich ist, erweckt Hoffnung in mir.

Ich finde es auch sehr positiv, dass wieder über Kinder und Familien diskutiert wird und nicht mehr nur über Homo-Ehen. Besonders erfreulich ist das Schwächeln der Lobbyisten, sichtbar z.B. am Nichtraucherschutz, der offenbar jetzt kommt. Die nächste Bremse, die fallen wird, werden die Autolobbyisten sein, die immer schlechtere Karten haben. Europa hat offenbar in dieser Beziehung einen guten Einfluss auf uns.

Natürlich werden weiter Angstthemen geschürt. Der Klimawandel wird weiterhin beliebt sein. Die Deutschen müssen ihn immer gleich mit der Klimakatastrophe assoziieren, obwohl er für uns eher ein Klimasegen sein wird.

Auch über die Überalterung wird man sich ereifern (leider trauert aber niemand darüber, dass wir unsere besten Köpfe verlieren, weil sie abwandern). Bei den von mir geforderten Änderungen in den Medien sehe ich keine Besserung. Man wird also weiterhin mit der Angst einige Stimmen der Deutschen bekommen.


Wohlstand

Reiche Menschen, besonders wenn sie früher schon einmal arm waren, sind gerne anfällig für Angst. Birgt doch jede Veränderung die Gefahr, dass sie den Reichtum wieder verlieren könnten.

Nun ist Deutschland ein reiches Land und deshalb haben viele der Player die Angst, dass es nicht mehr so weitergehen könnte, wie früher. Aber man sollte unterscheiden, welche Angst berechtigt ist und welche nur durch Propaganda entsteht. Besonders die Politik der Linken (von der SPD, über die Grünen bis zur PDS) aber schürt diese Angst, in dem sie sie in unverantwortlicher Weise als Begründung für eigenes Versagen ausgibt.

Dass sie durch falschem Umgang mit der Angst diese Problemsituation erst geschaffen hat, ist den Wenigsten bewusst. Es ist auch nicht verwunderlich, denn über viele Jahre hat man mit Angst Wählerstimmen gewinnen können. Man denke nur an die Wurzeln der Grünen, die beginnend mit  Kriegsangst und Atomangst erfolgreich über Jahrzehnte mit allerlei Ängsten die Wähler so lange geködert haben, bis die Menschen gemerkt haben, dass die größte Gefahr fürs Land die Angstmache selbst geworden ist.

Denn Angst lähmt, macht krank und freudlos. Sie macht mutlos, sie zerstört die Kreativität, lässt keine Veränderungen zu, sie führt zur Verzweiflung und damit auch zur Aggression. Im Ausland lächelt man über diese "Deutsche Angst" und bezeichnet sie "german disease", einer scheinbar typisch deutschen Gemütserkrankung, die sich durch grundlose Lähmung und Mutlosigkeit bemerkbar macht.

Andere Länder sind sie nun sogar noch reicher als wir und kennen dieses Phänomen trotzdem nicht, zumindest nicht so ausgeprägt. Sie haben trotz Reichtum immer noch Visionen für die Zukunft, sie gestalten und verändern und sind damit erfolgreich. Für sie bedeutet Reichtum Sicherheit, sie haben Mut ihn in Grenzen zu riskieren, weil sie wissen, dass selbst bei Misserfolg es ihnen immer noch viel besser geht, als den vielen viel ärmeren, die über unsere Sorgen wirklich nur lachen können.

Unwissenheit

Viel Angst entsteht durch Unwissenheit. Nun leben wir in der bestinformierten Welt aller Zeiten und es ist sollte damit ausgeschlossen sein, dass Unwissenheit besonders in Deutschland ein großes Problem sein sollte. Aber wir leben auch in einer hoch komplexen Welt und damit sind Probleme und Lösungen für viele unverständlich geworden.

Wer nun selbst nicht mehr versteht, ist darauf angewiesen, dass Fachleute ihm die Zusammenhänge erklären. Um ihnen zu glauben, muss man aber Vertrauen in sie haben. Hier ist wahrscheinlich die Wurzel des Problems. Denn die Mischung aus selbsternannten Fachleuten und reißerischen Medien lässt kein Vertrauen mehr entstehen.

Und so verwundert es auch nicht, dass sich eine Unzahl von wirklich blödsinnigen Meinungen fest als Volksglaube etablieren kann. Ich nenne hier nur den Werbeslogan "Geiz ist geil", denn viele so lange nachgeplappert haben, bis sie gemerkt haben, dass Geiz arm macht, auch sie selbst.

In meinem Schnupperkurs über Volkswirtschaft habe ich einige der vielen in der Politik kursierenden Fehlmeinungen aufgezählt. Es ist erschreckend, wenn man sie so geballt vorgesetzt bekommt und es sollte uns mobilisieren, endlich etwas mehr Wissen den Menschen zur Verfügung zu stellen.

Wir haben immer noch genügend gute Lehrer dafür im Lande, aber keine Medien mehr, die den Zugang zu ihnen vermitteln könnten. Mit Talkshows, Rededuellen und was sonst noch an Stumpfsinn dazu geboten wird, wird man keine Zuversicht mehr aufbauen können. Komplexe Situationen zu erklären braucht Zeit und wer es mit schnellen, einfachen Lösungen versucht, wird scheitern müssen.

Das besonders Tragische in komplexen Situationen sind die "Paradoxen Aktionen". Scheinbar plausible Lösungsansätze erreichen gerade das Gegenteil von dem, was sie erreichen sollen. Im Volksmund heißt es dann dazu "Gut gemeint, aber nicht gut gemacht!".

Geringes Selbstwertgefühl

Einem Volk, das mit seinem überhöhtem Selbstwertgefühl Millionen Menschen in den Tod geführt hat, sollte es an Selbstwertgefühl nicht mangeln. Aber man sollte sich hier von der Vergangenheit nicht irre führen lassen. Ein ständiges Bekennen zur eigenen Schuld, ständige Unterdrückung eigentlich natürlicher Bedürfnisse wie Stolz auf seine Leistungen, permanentes Understatement von kommerziellem Erfolg, damit es nicht zuviel Neider gibt, sie können auf die Dauer nicht spurlos vorbei gehen.

Wer schwierige Herausforderungen meistern will, braucht ein hohes Selbstwertgefühl. Wer durch ständiges Bedenken und Kritisieren vernünftiges Handeln verhindert, zerstört das Selbstwertgefühl und damit auch Lösungen für die Zukunft.

Man braucht ein vernünftiges Mittelmass. Zu wenig Selbstwertgefühl ist genau so schlecht wie zu viel. Etwas mehr als das was in den letzten Jahren propagiert wurde, könnten wir gut gebrauchen.

Denn viele unserer Misserfolge werden zu sehr aufgebauscht und viele unserer Erfolge viel zu wenig beachtet und honoriert.

Ohnmacht

Der deutsche Wahn alles zu reglementieren, festzuschreiben und zu zementieren hat uns in weiten Bereichen handlungsunfähig werden lassen. Und wer sich eingesperrt fühlt oder für jeden Fehler sofort bestraft werden kann, muss ängstlich werden.

Wir müssen uns von den vielen Einschränkungen trennen, wollen wir weiter gestalten können. Und zwar radikal. Hier ist das Wirkungsfeld für die vielen Reformen, die anstehen, aber bisher zu wenig, zu spät und auch zu schlecht durch geführt wurden. Selbst die Verfassung ist inzwischen reformbedürftig geworden und es gibt kaum Ansätze sie zu erneuern.

Ideologie bremst, viel mehr pragmatische Ansätze werden gebraucht. Wie eng das Korsett inzwischen geworden ist, wird den hier Lebenden kaum noch bewusst. Wir haben zu viel auf Sicherheit und Gerechtigkeit gesetzt und dabei die Freiheit des Handelns ignoriert. Heute aber pervertiert das System. Sicherheit ruiniert uns dann, wenn sie Neues unterdrückt. Die viel geforderte Soziale Gerechtigkeit ist inhaltslos und zum Synonym für Neid geworden. Nicht Handeln, sondern Jammern und Verhindern werden gepredigt. In einer Umgebung, die sich schneller anpasst als wir, werden wir damit zu ohnmächtigen Beobachtern und leiden darunter.

Zu starke Veränderungen werden auch wieder neue Ängste verursachen. Aber macht man es richtig, dann wird jede Veränderung wie ein Befreiungschlag empfunden werden und die Menschen werden wieder aufatmen und sich fragen, warum man nicht schon früher uns von den vielen Fesseln, die uns lähmen, befreit hat.

Sinnlosigkeit

In einigen Bereichen wird auch die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz ein Rolle spielen. Besonders was die eigene Familie betrifft, werden viele von uns stark verunsichert. Das Älterwerden der Menschen wird nicht nur als Fortschritt, sondern immer mehr auch als Problem angesehen. Durchaus intelligente Menschen wollen keine Kinder mehr haben, weil sie auch damit nur die Probleme sehen und nicht mehr die damit verbundenen Freuden.

Hier kann die Politik mit besseren Rahmenbedingungen den Individuen helfen. Vieles aber werden die Menschen selbst in die Hand nehmen müssen. Menschen, die in ihrem Leben einen Sinn sehen, werden weniger Angst haben und mehr Versuche zur Gestaltung ihres Leben unternehmen.


Einige Rezepte zur Behandlung der "German disease"

Sie sind einfach zu formulieren, aber sicherlich nicht einfach durchzuführen. Reformen, Bildung, Vertrauen, Stolz und Freude werden dabei wichtige Grundkomponenten sein. Auf jeden Fall gehört ein Wechsel in der Politik dazu. Für die bisherigen Angstmacher ist ein Platz in der Opposition die richtige Wahl. Dort können sie sogar ganz nützlich sein.

Drastische Veränderungen müssen in den Medien passieren. Solange immer die selben Gesichter im Fernsehen zu sehen sind, wird es keine Änderung geben. Dies gilt nicht nur für die Politiker, sondern auch für die Medienleute selbst.

Die Inhalte in den Gesprächen müssen sich ändern. Solange nur von Problemen, Gefahren und Risiken die Rede ist, wird auch die "German Angst" bleiben. Wörter wie Chancen, Mut, Risikio, Herausforderungen, Erfolge, aber auch Glück und Freude müssen wieder einen Sinn bekommen.

Es muss wieder Freude an Kindern geben, der Blick in die Zukunft muss wieder gewagt werden können. Die Menschen müssen das Gefühl bekommen, dass sie sich zwar auf Änderungen einstellen müssen, aber ihre Grundbedürfnisse erfüllt werden.

Ich sehe keinen Grund, warum dies alles nicht gelingen sollte. Die Showstopper und Versager in der Politik sind abwählbar, wir sind genügend reich, um Veränderungen durchzustehen. Wir haben immer noch genügend kluge Menschen, die uns auch in schwierigen Fragen guten Rat geben können. Und ändern sich die Verantwortlichen, dann sehe ich auch eine Chance, dass die Medien diesen positiven Prozess unterstützen werden. Wird allerdings Grün-Rot wiedergewählt, dann hat die Angst auch mich erreicht und ich überlege ernsthaft das zu tun, was viele zur Zeit tun, nämlich Auszuwandern.

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© (P) 2007 Otto Buchegger, Tübingen

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